Chatprotokoll vom 02.05.2007

Offener Chat mit dem Bewerbungshelfer

Mit Gerhard Winkler - Chatprotokoll vom 02.05.2007

Moderator: Willkommen beim formyourself.de Experten-Chat mit Gerhard Winkler.

Gerhard Winkler
Gerhard Winkler

Gerhard Winkler: Haben Sie sich an diesem schönen Mai-Abend zum Chat eingefunden? Dann lassen Sie uns heute beschwingt und heiter über alle Bewerberfragen reden. Schießen Sie los!
Hallo, Blume, hallo, Lisa, wie kann ich Ihnen helfen? Berichten Sie mir vom Stand Ihrer Karrieredinge …

Lisa: Ich bin Anglistin, habe im Februar mein Studium abgeschlossen und bin nun auf Stellensuche. Heute beim Arbeitsamt durfte ich mir sagen lassen, ich müsste pro Monat 30 Bewerbungen schreiben und meine Lage sei "sehr schwierig", da ich kaum Berufserfahrung hätte. Wie sehen Sie das? Wie schätzen Sie die Chancen für Geisteswissenschaftler ein?

Gerhard Winkler: Warum wollen Sie die Chancen für Geisteswissenschaftler wissen? Es geht um Ihre höchsteigene Jobchancen. Ordnen Sie sich nicht auch noch selber in eine Schublade ein. Was sind Ihre Spezialgebiete? Was können Sie noch außer Englisch? Was ist Ihre Joberfahrung? Wo haben Sie sich in irgendeiner Form noch engagiert? Die wichtigste Frage: Wo sehen Sie sich selber? Was wollen Sie ausprobieren? Wo zieht es Sie hin? Lisa, "Geisteswissenschaftler" ist eine Ecke, in die Sie sch selber nur dann stellen, wenn Sie mit Geisteswissenschaften Ihren Lebensunterhalt verdienen möchten. Und "30 Bewerbungen Am Tag" ist keine Antwort auf ein Jobfindungsproblem.

Lisa: Dankeschön :) Ich weiß ja auch zumindest ungefähr, wo es hingehen soll, und habe entsprechende Praktika bzw. Studentenjobs gemacht. Sieht also vielleicht doch nicht so schlecht aus.

Gerhard Winkler: Die Selbstfindung und berufliche Ausrichtung ist der harte Teil des Studiums. Wer damit nach dem akademischen Abschluss startet, macht es sich nicht leichter. Das Studium, so kann man ja manchem seiner Betreiber unterstellen, fungiert dann als Galgenfrist vor den Schrecken der Berufswahl. Der Punkt ist, dass Sie sich in den Geisteswissenschaften versucht und bewiesen haben und jetzt immer noch so jung sind, um alles auszuprobieren. Sie haben Zeit für die Karriere in der Wirtschaft, in Bildung, Kulturmanagement, in einem freien Beruf ... Es ist für Sie nicht 5 vor 12  - allerdings sollten Sie aktiv handeln. Das Jobglück hält sich in der Welt versteckt. Suchen Sie es!

sodele: Hallo Herr Winkler, ich bin möchte mich gerne auf eine Stelle zur System-/Anwendungsadministration bewerben und habe, wie wohl viele andere auch, Probleme mit dem 1. Satz. Bin selbst momentan im Außendienst tätig und installiere Software bei Kunden, habe vor ca. 1/2 Jahr eine Weiterbildung zum Netzwerkadministrator bei der IHK beendet. Sollte dies direkt im ersten Satz auftauchen?

Gerhard Winkler: „Sehr geehrter Herr Sodele, eine mit 2,0 abgeschlossene IHK-Ausbildung zum Netzwerkadministrator und Praxis im IT-Support vor Ort kennzeichnen mein fachliches Profil. Meine Erfahrung umfasst …“

Lieber Herr Sodele, sie merken, der erste Satz in einem Anschreiben informiert über den wichtigsten faktischen Umstand, der für eine Jobeignung spricht. Handelt der erste Satz von einer Leistung, einem Erfolg, einer augenblicklichen Position, einem errungenen Abschluss? Dann ist es eine starke und angemessene Einleitung.

Liebe Chatteilnehmer, fragen Sie, was Ihnen auf dem Herzen liegt. Wir sind heute unter uns, da blamieren Sie sich keineswegs vor vielen Fremden, wenn Sie sich hier outen.

Und meine Frage an Sie: Haben Sie eine eigene Bewerber-Homepage?

sodele: In der Anzeige wird um Angabe einer Gehaltsvorstellung gebeten. Wie oder wo kann ich mich da vorab informieren, welches Gehalt für die avisierte Stelle angemessen ist?

Gerhard Winkler: Surfen Sie zu Gerhard Kenks Meta-Seiten: http://www.crosswater-systems.com/ej6000.htm . Dort finden Sie auch sonst alles, was das Internet für Jobsuchende hergibt.

sodele: Kann man so eine Aufforderung zur Angabe einer Gehaltsvorstellung auch geschickt umgehen?

Gerhard Winkler: Es gibt kein geschicktes Umgehen, wenn man Sie direkt auffordert, die Hosen herunter zu lassen. Entweder Sie haben Ihren Preis im Kopf oder Sie haben ein Defizit.

Gerhard Winkler: Mein Erkenntnisstand zum Thema Bewerber-Homepage findet sich in meinem Blog: http://web.mac.com/gwinkler/iWeb/ . Das heißt auch noch "Zum Teufel mit der Bewerber-Homepage". Ich lass mich aber gern von der Wirklichkeit korrigieren.

Liebe Chatter, zapfen Sie mein Wissen an oder berichten Sie uns von Ihren erstaunlichen, erhebenden, lehrreichen, grausamen Erfahrungen.

Hans 1: Geisteswissenschaftler haben es in der "time=money-world" hier in Deutschland sehr schwer. Geisteswissenschaft erfordert   Z e i t ! ! !   Diese Zeit, sehr gute Ergebnisse abzuliefern, räumt einem die profitorientierte Welt, falls überhaupt, nur unwillig ein! Ich bin Diplom-Übersetzer und habe in der Industrie und Wirtschaft oft genug den Auftrag erhalten: "Sagen Sie mir mal eben, was in den 12 Seiten so ungefähr drinsteht. Da kann ich dann auch Englisch-Anfänger dranlassen; da kommt bestimmt das gewünschte "ungefähr" zustande. Ja, man ist in einer Schublade - egal in welchem Beruf! Weil die Arbeitgeber das so sehen wollen! Selbstvermarktung muss logischerweise den Arbeitgeber ansprechen. Qualifizierte Ausbildung ist überall gewollt, nur nicht die Z e i t, seine Arbeit (nach den Regeln der Kunst) fachlich, wie gelernt, auszuführen. WANN gibt es endlich ein "Verständnis-Seminar" für Entscheidungsträger auf der Arbeitgeber-Seite? ? ? Dass wir Bewerber uns wie Schilf im Wind anpassen - O.K. Bei welcher Windstärke aber bricht Schilf? So viel Hilfe Bewerber auch brauchen und bekommen sollen - ich habe den unwiderruflichen Eindruck, dass auch eine erkleckliche Anzahl Arbeitgeber Nachhilfe brauchen zum Thema: Mensch als Arbeitskraft. … So viel erst mal dazu … DANKE fürs Lesen !!! Gruß, Hans 1

Gerhard Winkler: Lieber Hans 1 - ich habe am Anfang meiner Karriere für ein Anschreiben auch 2 Stunden gebraucht ... jetzt schaffe ich es in bedeutend weniger Zeit. Sie brauchen für Ihre Arbeit zu jeder Zeit Ihre Zeit, aber mit einiger Erfahrung wird Ihr Geschäft auch um einiges einfacher. Dass Übersetzer ein eigenes Tempo haben, kann ich übrigens bestätigen. Ich habe noch Anfang der Neunziger ab und zu Dokumente übersetzt. Doch bei aller Sorgfalt - Dichter, Forscher, Journalisten, Übersetzer, alle haben Abgabetermine.

Haben Sie keine Angst, dass das Tempo zu schnell wird. Auch wenn einige Antreiber im Büro heftig mit den Peitschen knallen: Von außen gesehen, schleppen sich die meisten betrieblichen Abläufe eher dahin.

Lisa: Grausame Erfahrung … war das eben geschilderte "Gespräch" mit dem Mann vom Amt. Erhebend hingegen, dass ich für ein Vorstellungsgespräch mit Probearbeiten vom Arbeitgeber Fahrtkosten UND Vergütung für meine Probearbeitszeit dort bekommen habe.

Gerhard Winkler: Der freundliche Berater von der A-Agentur besteht auf Pro-forma-Handeln. Sie sollen aber effizient handeln und wenn es keinen Grund zum Handeln gibt, in der Sonne sitzen und William Faulkner lesen. Bewerben ist wie Golfen: Entweder, Sie kloppen wie wild Bälle in den Äther oder sie visieren die Fahne an und setzen Ihren ganzen Ehrgeiz daran, mit möglichst wenig Schlägen einzulochen.

Hans 1: An "Anglisten-Lisa" ;-) Ich drücke Ihnen herzlichst die Daumen! Ohne uns Sprachler würden alle nur Buchstaben sch...... . (Isses nich so?!)

Gerhard Winkler: Liebe Leute, ich habe Romanistik + Germanistik studiert, bin Assessor für Lehramt an Gymnasien in Baden-Württemberg geworden, habe mich NIE für den Schuldienst beworben und mache seit 1986 nur das, was mir Spaß macht. Ich bin das lebendige Beispiel, dass man es auch zu etwas bringen kann, wenn man nicht mal bis drei zählen kann.

Finden Sie heraus, was Sie am liebsten tun und dann lassen Sie sich dafür bezahlen. Dazu muss man nicht tricksen, täuschen, sich erniedrigen lassen. Es ist aber von Vorteil, stets an das Gute in sich glauben.

Hans 1: An Herrn Winkler und Sodele: Mein Vorschlag: Gegen Ende des Anschreibens folgende Möglichkeit: "Meinen Gehaltswunsch möchte ich gerne mit Ihnen erörtern, wenn ich in einem Gespräch mit Ihnen Genaueres über meine Aufgaben in Ihrem Unternehmen erfahren habe. " Damit habe ich die Frage "bedient" und man weiß auf der Arbeitgeber-Seite, dass erst verhandelt wird, wenn alle Karten auf dem Tisch liegen. Hier zeigt man auch ein gewisses kaufmännisches Verständnis. Was ist Ihre Meinung dazu, bitte, Herr Winkler? Was?! Sie können bis "drei" zählen? Da sind Sie mir weit voraus!;-)

Gerhard Winkler: Obacht, Hans1: Stellen Sie als Bewerber im Anschreiben keine Bedingungen und im Interview erst dann, wenn Sie ohne jeden Zweifel in die Verhandlungsphase eintreten. Sagen Sie was oder sagen Sie eben nichts, aber sagen Sie nie, dass Sie erst unter diesen oder jenen Umständen was sagen. Ein weiterer Punkt: in dem Moment, wo Sie sich schriftlich bewerben, sollten Sie den Job verstanden haben - idealerweise besser als der Jobanbieter. Und nutzen Sie jede Zeile im Anschreiben, um gut über sich zu reden. Mit Ihrem Satz, lieber Hans 1, verschenken Sie wichtigen Raum zum Aufbau Ihrer Leistungsschau.

Denken Sie nie, dass alle Positionen schon vergeben, alle Jobs schon besetzt sind. Arbeit macht man sich selbst. Das Erstaunliche ist, dass das Leben für Leute wie Sie tatsächlich eine riesige Spielwiese ist. Sie können nach allen Richtungen abschlagen. Testen Sie doch mal, wie weit Sie kommen. (Entschuldigen Sie die Sportmetaphorik.)

OK, das war es für heute. Besuchen Sie mich auf jova-nova.com und formyourself.de. Mailen Sie mir Ihre Fragen. Ich wünsche Ihnen viel Glück und viel Erfolg! Schönen Abend!