Chatprotokoll vom 03.01.2007

Offener Chat mit dem Bewerbungshelfer

Mit Gerhard Winkler - Chatprotokoll vom 03.01.2007

Moderator: Willkommen beim formyourself.de Experten-Chat mit Gerhard Winkler.

Gerhard Winkler
Gerhard Winkler

Gerhard Winkler: Guten Abend und herzlich willkommen zum ersten Chat für findige Ausbildungs- und Jobsuchende. Haben Sie keine Scheu, Fragen zu stellen oder von Ihren Erfahrungen zu berichten - wir sind unter uns …

Anja: Guten Abend, Herr Winkler! Gerne möchte ich Ihren Rat zu einer verzwickten Situation erfragen. Im Sommer nahm ich eine neue Stelle bei einem mittelständischen Unternehmen an. In dieser Position musste ich eng mit der Geschäftsführerin zusammenarbeiten. Bedauerlicherweise war der Umgang mit ihr stets sehr schwierig, nichtsdestotrotz habe ich mich ihr gegenüber immer korrekt und freundlich verhalten. Sehr schnell verschlimmerte sich die Situation so sehr, dass ich beschloss, wieder Bewerbungen zu schreiben und mich nach einer neuen Stelle umzusehen. Ende September ist man meiner Eigenkündigung dann zuvor gekommen. Man sagte mir im Gespräch, man sei fachlich sehr zufrieden mit mir gewesen, hätte aber das Gefühl, dass die Chemie nicht stimmen würde und daher eine dauerhafte Zusammenarbeit keinen Sinn hätte. Nun bin ich sehr verunsichert, da ich nicht weiß, wie ich sowohl in Bewerbungen als auch in Vorstellungsgesprächen die Tatsache, dass mir innerhalb der Probezeit gekündigt wurde, im richtigen Licht darstellen kann. Ich habe zum ersten Mal Pech gehabt und sonst sehr gute Qualifikationen. In den letzten Vorstellungsgesprächen habe ich die Erfahrung gemacht, dass Personaler sehr skeptisch werden, wenn sie erfahren, dass mir gekündigt wurde. Seitdem ich das Arbeitszeugnis aus der mir gekündigten Stelle vorliegen habe und den Bewerbungen beifüge, habe ich gar keine Einladung mehr erhalten.

Gerhard Winkler: Ich würde gern das Arbeitszeugnis lesen - haben Sie denn ein gutes Gefühl, wenn Sie es überfliegen?

Anja: Jein. Der erste Teil ist einigermaßen in Ordnung. Der letzte Satz zerstört dann aber alles. Falls Sie Interesse haben, kann ich Ihnen das Zeugnis gerne mailen.

Gerhard Winkler: Ein mieses Arbeitszeugnis können Sie auch jetzt noch modifizieren lassen - falls man nicht nachgibt, drohen Sie mit dem Gang vors Arbeitsgericht.

neustadter_76: Mieses Arbeitszeugnis, Anja, beim Arbeitsgericht klagen, das ist leider das Einzige, was hilft, weil Arbeitgeber ihre Macht ausspielen und Macht demonstrieren wollen, aber vor Gesetz ist man ja bekanntlich gleich, oder?

Gerhard Winkler: Arbeitnehmer haben immer die besseren Karten beim Arbeitsgericht - Arbeitgeber wissen das und lassen sich deshalb nicht so gern auf Verfahren ein.

Anja: Nun, das Zeugnis ist nicht richtig schlecht. Aber ausschlaggebende Elemente wie beispielsweise der Dank für die gute Zusammenarbeit fehlen. Soweit ich weiß, kann man diese auch nicht einklagen.

Gerhard Winkler: Jedes Zeugnis muss wohlwollend formuliert sein. Wohlgemerkt: Sie haben einen Anspruch darauf, dass es positiv formuliert ist. Selbst Mitarbeitern, die massive Vergehen zu verantworten hatten, wurde im Arbeitszeugnis für die Mitarbeit gedankt. Mein Rat: Werden Sie gegenüber dem ehemaligen Arbeitgeber massiv. Holen Sie sich Ihr gutes Zeugnis, notfalls über einen Rechtsanwalt.

Anja, es ist NICHT schlimm, sich in der Probezeit zu trennen. Gerade Assistenzfunktionen sind so auf die Persönlichkeit des Vorgesetzten zugeschnitten - und Chefs sind wegen des Jobmarkts maßlos verwöhnt. Sie probieren halt eher Mitarbeiter aus, als dass sie ihren Managementstil ändern.

Anja: Danke für Ihre Aufmunterung, Herr Winkler. Dennoch habe ich leider das Gefühl, dass bei der Flut an Bewerbungen, die Firmen heutzutage erhalten, eine Kündigung durch den Arbeitgeber ein Kick-out-Kriterium ist.

Gerhard Winkler: Natürlich steht im Arbeitszeugnis etwas von betriebsbedingten Gründen - Umbau der Organisation oder ähnliches … Es gibt nur sehr wenig Gesprächskonstellationen, wo man damit punkten kann, dass man gefeuert wurde. Also: Sie halten sich an eine beschönigende Version der Ereignisse und insistieren darauf, egal, wie das Gespräch verläuft.

neustadter_76: Hallo Herr Winkler, hoffe Sie sind gesund und munter ins neue Jahr gekommen. Sind meine Informationen über die DVAG angekommen?

Gerhard Winkler: Vielen Dank!

neustadter_76: Warum melden sich die Firmen nicht mehr, wenn man sich beworben hat, man bekommt weder die Mappe noch ein Absageschreiben zurück. Von … habe ich auch nichts gehört. Was soll man tun?

Gerhard Winkler: Nachfassen. In Ihrem Fall nicht lockerlassen.

neustadter_76: War mächtig was los in Berlin, habe Sie aber nicht erreichen können. Wie soll man nachfassen, bzw. wie formuliert man so etwas? Telefonieren klappt nicht so gut mit fremden Personen, ich übe jetzt mit einer Logopädin! Praktikum Marketing BKK, ist leider von mir zu weit weg! Aber wäre absolut super, das Angebot!

Gerhard Winkler: Üben Sie weiter mit der Logopädin und dann rufen Sie mich an und wir spielen das Nachfragen kurz durch.

neustadter_76: Was wurde eigentlich aus meiner Bewerbungsstory und CD ROM etc.? Haben Sie meine E-Mails mit den Fragen nicht bekommen, Thema Selbstständigkeit etc., war etwas länger her?

Gerhard Winkler: Ich glaube, Sie müssen mal nach Berlin in mein Tagestraining kommen - dann besprechen wir in der Mittagspause Ihre Story. Sie sind der engagierteste Bewerber 2006 gewesen - ich gebe Ihnen einen Freiplatz aus!

neustadter_76: Wow, das ehrt mich aber, einen Freiplatz mitten in Berlin für ein Seminar bei Ihnen zu bekommen. Habe 2 Leute, die arbeitslos sind, getroffen. Sie haben vom Arbeitsamt Bewerbungstraining erhalten. Ich habe gesagt, zeigt mir doch mal die Bewerbungsmappe, es war Schema F. Sagte dann, sie sollen doch heute in den Chat kommen, sich informieren und Fragen stellen. Sie wussten gar nichts vom Bewerbungshelfer und von Ihnen. Die waren total begeistert und überrascht. Sie wussten nicht, dass es Sie gibt!

Gerhard Winkler: Arbeiten Sie als Bewerber am eigenen Selbstvertrauen. Bauen Sie eine starke Präsentation mit dem Lebenslauf und dem Anschreiben auf, dann bauen Sie sich zugleich selbst auf.

neustadter_76: Das will ich ja lernen, mehr Selbstvertrauen etc. zu bekommen. Wenn ich manchmal Leute sehe, Lehrer, Unternehmer etc., die strahlen einfach etwas Positives aus, keine Sorgen etc., immer gut gelaunt etc. Wo kann man dies lernen? Ich denke immer an Herrn Winkler als Vorbild! Immer motiviert, höflich und gut gelaunt! Das gefällt mir sehr an Ihnen, gibt es Motivationsseminare, oder wie bekommt man mehr Selbstvertrauen etc?

Gerhard Winkler: Fangen Sie einen neuen Sport an. Irgendwas, das Sie herausfordert. Kaufen Sie sich ein paar Golfschläger und gehen Sie auf die Driving Range. MAN BAUT SICH IMMER SELBST AUF. Setzen Sie sich Ziele. Lassen Sie sich nicht entmutigen. Langer Atem hilft immer. Es klingt wie eine abgedroschene Lebensweisheit, aber tatsächlich werden Sie letztlich erfolgreich in den Sachen, die Sie ausdauernd machen.

Costa: Hallo Herr Winkler. Vielen Dank erst mal für das Engagement. Wie verschicke ich am besten eine Bewerbung über E-Mail? Ist eine PowerPoint-Präsentation als Bewerbungsmappe, die alles beinhaltet, OK?

Gerhard Winkler: Präsentationen sind für 1024 x 758 Pixel gedacht. Wie viel an textlicher Information kriegen Sie auf eine Seite? Und wie viel haben Sie insgesamt zu sagen? - Ist es nicht besser, man greift auf Anschreiben und Lebenslauf zurück?

Costa: Also sind PowerPoint-Präsentationen nicht geeignet für Bewerbungen über E-Mail. Was würden Sie mir dann empfehlen?

Gerhard Winkler: Ich denke, Präsentationen sind etwas, das man persönlich hält. Eine PPT-Präso ist, sofern Sie die nur vorlegen und nicht halten, das halbe Event.

Costa:Also gut. Keine PPT-Datei. Dann soll ich alle meine Zeugnisse als PDF-Datei verschicken und dann noch eine extra PDF-Datei für den Lebenslauf sowie fürs Anschreiben? Finde ich irgendwie überhaupt nicht originell!

Gerhard Winkler: Ein origineller Kopf ist nicht das, was Jobanbieter in erster Linie suchen. Die brauchen eine helfende Hand, starke Schultern, wache Augen, flinke Füße.

Konzentrieren Sie sich darauf, all das, was für Sie beweisbar spricht, auf einer Seite vorzutragen. Erstellen Sie außerdem den Lebenslauf als ein Faktenblatt. Holen Sie die Infos auch aus Ihren Zeugnissen. Die Zeugnisse, die Sie ganz richtig als ein PDF bündeln, sind nicht Teil Ihrer Präsentation. Sie sind nur Belegstücke.

Costa: Kann ich dann auch das ganze zur Einsicht an Sie schicken oder wird es Ihnen alles zu viel?

Gerhard Winkler: Mehr als eine sehr kursorische, also oberflächliche Prüfung ist nicht drin - aber mailen Sie mir.

yunak: Herr Winkler, was soll eine Bewerbungsmappe Ihrer Meinung nach darstellen, wenn sie laut Ihrer Internetseite Pappmappen mit dem Aufdruck Bewerbung ablehnen?

Gerhard Winkler: Nehmen Sie einen Schnellhefter mit transparentem Umschlag. Klare Sicht auf Ihr Anschreiben!

Mäusiko:Guten Abend, Herr Winkler, ich möchte mich auch endlich einmal perfekt bewerben können. Wenn ich verspreche, die Engagierteste im Jahr 2007 zu werden, bekomme ich dann auch einen Freiplatz in Ihrem Kurs?

Gerhard Winkler: Ihre Frage, lieber Herr oder Frau Mäusiko, kann ich erst Anfang 2008 beantworten.

Mäusiko: Frau Mäusiko. OK, dann halte ich eben den üblichen Weg ein und lasse Ihnen meine Bewerbung zukommen zur gefälligen Begutachtung. Melde mich in den nächsten Tagen bei Ihnen, heute habe ich nur mal kurz neugierig schauen wollen. Viel Spaß noch beim Chat!

Gerhard Winkler: Mailen Sie an gwinkler@jova-nova.com . Einschätzungen Ihrer Bewerbung sind immer kostenlos; meine Assistentin und ich nehmen gern auch den 10/10-Check vor. Zehn Minuten kritische Prüfung, detaillierter, mehrseitiger Prüfbericht für zehn Euro. (Ende der Eigenwerbung.)

Anja: Oh, darf ich an dieselbe Mailadresse auch mal eben mein Arbeitszeugnis mailen oder ist das sehr dreist?

Gerhard Winkler: Mailen Sie es zu; ich schaue es gern an.

Gabriele: Guten Abend. Werde jetzt wohl mal meine ganze Bewerbung umschreiben und hoffe, nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit mit 51 Jahren doch noch eine Chance zu erhalten.

Gerhard Winkler: Nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit nutzt es nicht, nur die Bewerbung umzuschreiben. Eine starke schriftliche Präsentation ist für Sie nur das As im Ärmel. Ich behaupte einmal ganz kühn, dass Sie an Ihrem Auftreten, an Ihrer Vermarktungsweise und vielleicht auch an Ihren Fähigkeiten und Kenntnissen zu arbeiten haben.

Gabriele: Das heißt also das Anschreiben.

Gerhard Winkler: Liebe Gabriele, gute Worte allein bringen Sie nach zwei Jahren Joblosigkeit nicht bis zum Vorstellungsgespräch. Sie brauchen einen rundum erneuerten Auftritt und vor allem jemanden, der verhindert, dass Sie immer wieder vor massiv verschlossenen Portalen anrennen. In gewisser Hinsicht werden Sie sich neu erfinden und ganz sicher auf andere Weisen als bisher Jobanbieter ansprechen.

neustadter_76: Und die Bücher Anders antworten und Anders bewerben, weil nur so schafft man es zu bestehen und bei Fragen etwas ruhiger zu wirken, Gabriele. Stimmt es, Herr Winkler?

Gerhard Winkler: Man braucht nicht mal meine Bücher lesen, um sein Bewerberverhalten zu verändern. Es ist doch klar: Wenn bestimmte Verhaltensweisen nichts bringen, wenn man monatelang keinen Jobtreffer landet, dann dreht man eben an den Schrauben, an denen man drehen kann: Foto ändern, Anschreiben ändern, Lebenslauf neu aufbauen. Sich persönlich ins Spiel bringen - nicht nur auf die schriftliche Bewerbung bauen. Das gesamte Auftreten überprüfen. Sich nicht auf bestimmte Jobs, Regionen, Rahmenbedingungen festlegen. Sich auf Neues einlassen: Neuer Lernstoff, andere Aufgaben.

scout2007: Sehr geehrter Herr Winkler, wie weise ich in meiner Bewerbung am besten auf Diskretion hin? Ich arbeite in einem weltweit agierenden Konzern, der in fast allen Branchen Teile liefert und daher schnell herauskommen kann, dass ich mich anderweitig bewerbe (Vertrieb Außendienst).

Gerhard Winkler: Wenden Sie sich als Fach- und Führungskraft an einen Vermittler. Auch bei dieser Kontaktaufnahme gehen Sie diskret vor. Ein Vermittler kann sehr leicht für Sie den Kontakt herstellen und einen vertraulichen Rahmen herstellen.

neustadter_76: Herr Winkler, man sagt immer, ein Lebenslauf soll lückenlos sein. Wie prüft man dies am besten? Man muss genauer prüfen wie ein Personaler, die Spürhunde suchen doch gerade nach Gründen, um einen auszusortieren! Wenn man arbeitslos ist, keine Kurse besucht hat, muss man dann auch ständig stellensuchend schreiben oder besser weglassen?

Gerhard Winkler: Ich gehe davon aus, dass jeder Lebenslauf-Auswerter misstrauisch wird, sobald er auf Lücken > 1 - 2 Monate stößt. Zu viele Zeilen mit der Inschrift STELLENSUCHEND sind jedoch wie zu viele Warzen. Das sieht nicht gut aus und das kann und wird man kosmetisch behandeln.

neustadter_76: Hm, mein Lebenslauf sieht ja einigermaßen gut aus und lückenlos, die Frage ist nur die Zeit, wo ich wegen Hörsturz zwei Jahre taub war und dann mein CI bekommen habe, da konnte ich nichts machen, wie schreibt man das? Berufliche Auszeit wegen Erkrankung?

Gerhard Winkler: Der Zeitraum ist zu lang, als dass man ihn maskieren kann. Außerdem ist es eine persönliche Katastrophe, die Sie überwunden haben. Ihr Lebenslauf ist eine Erfolgsgeschichte: Sie sind nie mutlos geworden und Sie haben sich alles selbst erkämpft.

neustadter_76: Was taugen eigentlich Existenzgründungseminare? Lernt man da auch, sich selbst zu motivieren, Buchführung etc. oder ist dies wieder nur Schema-F-Gelaber?

Gerhard Winkler: Lernen Sie direkt bei Existenzgründern. Und finden Sie die passende Geschäftsidee.

Gerhard Winkler: Meine Frage an alle Chatter, Mitleser und Bewerber: Welche Fragen werden Ihnen in Telefoninterviews gestellt? Informieren Sie mich über Ihre Erfahrungen! (Mail an gwinkler@jova-nova.com)

Liebe Chat-Freunde, danke für Ihr Kommen. Fragen, die Ihnen noch einfallen, können Sie mir gern per Mail stellen. Berichten Sie mir auch von Ihren Abenteuern und Erfolgen auf dem Jobmarkt!

Ich wünschen Ihnen allen noch einen schönen Abend. Starten Sie gut ins Neue Jahr! Tschüss und schöne Grüße von Ihrem Bewerbungshelfer!