Chatprotokoll vom 03.02.2009

Offener Chat mit dem Bewerbungshelfer

Mit Gerhard Winkler - Chatprotokoll vom 03.02.2009

Moderator: Willkommen beim formyourself.de Experten-Chat mit Gerhard Winkler. Der Chat beginnt um 19 Uhr...

Gerhard Winkler: Vorab eine INFORMATION FÜR DIE CHATTEILNEHMER

Bewerbertugenden sind nach Winkler typische Mitarbeitertugenden: „Jeder Rekrutierer nutzt Unterlagen als Arbeitsunterlagen. Auswerten ist sein Geschäft. Arbeiten Sie ihm zu. Müllen Sie ihn nicht zu!” Auch und gerade vom angehenden Trainee erwartet man, dass er mit- und weiterdenkt. Auf die Bewerbungspraxis bezogen heißt das: Die Rekrutierer entlasten. Sie auf den Punkt genau mit dem beliefern, was sie brauchen. Ihre Einwände ausräumen. Ihr nachhaltiges Vertrauen gewinnen. Sich als unverwechselbar und einzigartig profilieren.

Es ist eine Binsenweisheit: Unterlagen von der Stange helfen eben so wenig weiter wie der unvorbereitete Auftritt. Jetzt gibt es von Gerhard Winkler die Einführung für den pragmatischen No-Nonsense-Bewerber, der den Abschluss (bald) hat und den Anschluss an die Jobwelt sucht. STELL DICH DER KARRIERE versammelt in knapper Form alles, was bei der Job- und Praktikumsfindung zu tun und zu lassen, zu sagen und zu schreiben ist.

STELL DICH DER KARRIERE wurde von der BKK Gesundheit in Balingen produziert. Es bündelt alles, was Studierende und Absolventen für den starken Anlauf zum beruflichen Höhenflug brauchen. Das kostenlose, reichlich mit motivierenden Abbildungen illustrierte 78-Seiten-PDF im Studi-Skriptformat A4 steht voraussichtlich ab Freitag, 6. Februar, auf www.formyourself.de sowie auf jova-nova.com zum Herunterladen bereit. 

ERSTLESER: Mailen Sie eine leere Nachricht mit dem Betreff STELL DICH DER KARRIERE und Sie erhalten das PDF sofort nach Verfügbarkeit zusammen mit einem Bewerber-Goodie zugemailt!

Meine Mailadresse: gwinkler@jova-nova.com

Schönen Abend, liebe Freunde des gepflegten Karriere-Talks! Wie immer schießen Sie bitte sofort mit Ihren eigenen Fragen los! Wo drückt Sie der Bewerberschuh? Sofern Sie keine Anliegen haben oder damit noch ein bisschen warten möchten, hier ist meine erste Frage an Sie! Vielleicht haben Sie heute meine Mail zum Kaffee im Jobinterview erhalten und überflogen. Waren diese Ratschläge für Sie kalter Kaffee? Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit Empfang und Service in Ihren Vorstellungsgesprächen gemacht?

Lilly1974: Hallo, der Kaffee-Beitrag war doch sehr interessant für mich.

Gerhard Winkler: War der Kaffee schon mal zu heiß? Hatten Sie schon mal welchen verschüttet?

jobhunter: Einmal gab’s versehentlich kalten Kaffee aus der Thermoskanne, was zwar mit Humor begegnet und behoben wurde, aber letztlich war der Job dann doch nichts.

Gerhard Winkler: Kaffee aus der Thermoskanne - hatten Sie sich auf einer Baustelle beworben?

jobhunter: Na, das war so eine passende Kaffeemaschinenthermoskanne. Bei meinem jüngsten Gespräch hatte ich wie die Geschäftsführerin einen Frosch im Hals - ein Griff zur rettenden Wasserflasche, ruhiges Einfüllen in das bereitstehende Glas und dann der Kommentar, dass ich jetzt auch einen im Hals habe. Na ja und schon gab es Gleichklang, Sympathien und letztlich auch den Job.

Gerhard Winkler: Jobhunter, waren Sie beide denn so von der Begegnung ergriffen? 

jobhunter: Na ja, ergriffen wäre dann doch zuviel des Guten, aber letztlich geht es doch bei der ganzen Arbeiterei auch darum, ob man denjenigen auch eine Weile ertragen kann. Jetzt aber mal eine konkrete Frage an Sie: Was tun, wenn man, bzw. in diesem Falle Frau überqualifiziert ist? (Dr. der Kunstgeschichte) und jetzt neu in den Arbeitsmarkt springen will und doch sehr enge Vorstellungen vom Themengebiet und Wunscharbeitgeber hat? 

Gerhard Winkler: Na ja, Sie sind hoch spezialisiert und in Ihrem Fach extrem kompetent. Sie identifizieren die wenigen Arbeit- oder Auftraggeber, die für Sie in Frage kommen, überlegen sich eine Vorgehensweise, tragen Ihre Argumente zusammen und kontakten, bis einem Jobanbieter die Augen aufgehen.

Kathie: Jeder Verkäufertrainer rät einem dazu, mit seinem Kunden das Getränk seiner Wahl zu trinken, um ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, quasi den kleinsten - und einfachsten - gemeinsamen Nenner gleich zu Beginn des Gespräches zu manifestieren und so einen einfacheren Einstieg zu finden. Da leuchtet es ein, dass dies in einem Bewerbergespräch mindestens ebenso wichtig ist. Blöd nur, wenn man nichts angeboten kriegt - das ist eine Herausforderung. Ist mir letztens so gegangen und ich hätte trotzdem gerne in der Firma angefangen. Im zweiten Gespräch hat man mich dafür zum Essen in die Kantine eingeladen und dann gab's auch endlich Kaffee.

Gerhard Winkler: Wurde beim Essen dann auf Smalltalk umgeschaltet oder war das einfach nur ein verlängertes Jobgespräch?

Kathie: Meiner Meinung war es eine Mischung aus beidem, allerdings haben meine - nun leider doch nicht zukünftigen Kollegen - eher aus ihrer Sicht geplaudert, wie es in der Firma zugeht und was ich vom Job zu erwarten hätte.

Gerhard Winkler: Hatten Sie während dieser Mittagspause ein gutes Gefühl? Fühlten Sie sich dabei noch geprüft und getestet?

RedRose: Ich habe die Erfahrung bei einem Einstellungstest gemacht, dass sich niemand getraut hat, ein Getränk zu nehmen. Die Personalchefin hat dann gefragt, ob wir es so gelernt hätten, dass man niemals ein Getränk annehmen darf.

Gerhard Winkler: Wenn Sie merken, dass keiner den Eisbrecher spielen will, dann machen eben Sie das! In diesem Fall hätte es sich für Sie ausbezahlt, aber oft im Leben hat man nur die Genugtuung, schüchternen Mitmenschen aus der Klemme geholfen zu haben.

RedRose: Ich hatte gestern ein interessantes Vorstellungsgespräch. Bei diesem wurden mir nämlich nur drei Fragen gestellt: Wohin wollen Sie einmal gehen?, Was bringen Sie mit? Weshalb sollten wir Sie einstellen? und Was wissen Sie über uns? Danach hieß es vom Chef nur noch: "Für mich ist alles klar. Ihre Bewerbung hat mir sehr gut gefallen.“ Ist das ein Zeichen dafür, dass ich die Ausbildungsstelle in der Tasche habe?

Gerhard Winkler: Na, wenn Sie diese Fragen zufriedenstellend beantwortet haben und wenn sich vom Lebenslauf und Anschreiben her erschließen lässt, dass Sie eine gute Schülerin sind, dann war der Ausbilder weise, dass er das Gespräch kurz gehalten hat!

RedRose: Mich hat es nämlich sehr gewundert, dass ich nicht auf schlechte Noten, Hobbys oder Engagement angesprochen wurde.

Gerhard Winkler: Warum sollte man Sie unbedingt auf Hobbys und Interessen ansprechen? Offenbar lag Ihre Tauglichkeit ja auf dem Tisch! Wer dieses Thema antippt, dem reicht vielleicht Ihre fachliche Eignung nicht aus. Der hat entweder noch echten Klärungsbedarf oder er macht auf menschlich.

Nicole: Guten Tag Herr Winkler, ich überarbeite gerade (mit Hilfe Ihrer Tipps) meinen Lebenslauf, weil ich mich aus Job Nr. 1 nach dem Studium auf Job Nr. 2 bewerben möchte. Ich habe eine Trainee-Ausbildung absolviert. Gehören Trainee-Fortbildungen wie "Besprechungen effizient führen" in den Lebenslauf? Vielen Dank und schöne Grüße

Gerhard Winkler: Alle Trainings, Kurse, Seminare im Job würde ich notieren - separat unter der eigenen Rubrik WEITERBILDUNG

Molly: Hallo Herr Winkler, gebe ich auch Tageseminare als Weiterbildungsmaßnahmen in meinem Lebenslauf an?

Gerhard Winkler: Liebe Molly, Sie geben sogar Stundenseminare an, wenn es ein wichtiger Baustein war und wenn es Ihre Jobkompetenz vermehrt hat. Beispiele: „Aktuelle Änderungen im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz“, „Was ist neu an MSU Fakt“?

Kathie: Wo baut man das mit der erworbenen Praxis denn gescheit ein? Kann ich davon ausgehen, dass der Rekrutierer das selber erkennt oder muss ich es ihm - wie auch immer - aufbereiten, außer ihm den Titel der Fortbildung zu nennen?

Gerhard Winkler: Im Lebenslauf listet man Ereignisse, Ergebnisse, Wissensstände auf. Im Anschreiben bringt man sie dann, wenn ein Fakt, eine Tatsache wesentlicher Teil der Argumentation sein soll. Wann kommt also etwas in das Anschreiben? Wenn man kein besseres Argument gefunden hat. Aktuelle Weiterbildungen signalisieren auch im Anschreiben die aktuelle Kompetenz!

Nicole: Verzeihung, ich werkle immer noch am Lebenslauf. Ich bin jetzt 28, stehe mitten im Job. Macht es Sinn, auf Praktika bis 1999 zurück zu gehen oder gilt hier die 5-Jahres-Regel? Vielen Dank!

Gerhard Winkler: Sobald Sie im Job stehen, können Sie studienbegleitende Tätigkeiten, Praktika ... unbesorgt streichen. Ausnahme: Es war eine Aufgabe, die für den Jobanbieter von heute noch von Belang sein könnte oder Sie haben eine wirklich wichtige Zeit im Ausland verbracht.

Nicole: Heißt das, wenn mein jetziges Job-Profil gut auf den angestrebten Job passt, dann kann ich frühere, weitere Praxis-Qualifikationen im Anschreiben weg lassen? Danke!

Gerhard Winkler: Liebe Nicole, ich würde auf frühere Tätigkeiten, wenn die gar nicht mehr aufs aktuelle Profil passen, nur sehr kursorisch eingehen. Vielleicht Jobtitel und Arbeitgeber nennen - das hängt davon ab, wie viel Platz Sie im Anschreiben noch haben. „Weitere Erfahrung habe ich als Marketingassistentin bei CSAWA GmbH in Berlin und bei der Jordi Savall AG in Potsdam erworben.“

RedRose: Mein Vater ist derzeit auf der suche nach einer neuen Stelle. Kann er im Anschreiben auch seine Kompetenz durch Tätigkeiten beweisen, die schon länger als 5 Jahre zurückliegen?

Gerhard Winkler: Jeder greift auf die Argumente zurück, die er hat. Ihr Vater wird dabei tunlichst keine Zeitangaben in das Anschreiben packen. Er schreibt, was er geleistet hat - ganz einfach in der Vergangenheitsform.

andre: Guten Abend, Herr Winkler, ich habe für einen Arbeitgeber gearbeitet, welcher 80 Personen beschäftigt. Ich habe gekündigt, weil ich eine bessere Stelle habe, möchte jetzt aber wieder zurück. Er bietet mir jetzt eine interessante Stelle in Düsseldorf an. Ich wohne in München. Ich fürchte ein Angebot zu bekommen, welches nicht meinen Vorstellungen entspricht (Gehalt). Als ich ging, bot er mir 1500 netto pro Monat und meinte mehr zahlt er nicht. Wie verhalte ich mich jetzt in den neuen Verhandlungen?

Gerhard Winkler: Hallo Andre, wenn ich Sie recht verstehe, möchten Sie zu jemandem zurück, der Sie schlecht behandelt hat? Zumindest finanziell ....

Gerhard Winkler: Liebe Lilly1974, Pädagogik - Soziales -in welche Richtung soll es jetzt denn gehen? Organisation? Verwaltung? Die erste Frage ist, wie Sie es sich vor sich selbst begründen und dem Jobanbieter stellt sich die Frage, woher Sie Ihre Eignung ableiten.

Lilly1974: Organisation oder Verwaltung, richtig.

Gerhard Winkler: Sie leiten immer das Nächste, was Sie tun wollen, aus dem ab, was Sie gemacht haben oder eben gut drauf haben. Der Wechsel von der Arbeit mit (besonders bedürftigen) Menschen hin zum Bürojob ist besonders erklärungsbedürftig..

Lilly1974: OK, dann durch mein außerberufliches Engagement.

Gerhard Winkler: Lilly, es ist Ihr außerberufliches Engagement, was Sie zum Ändern des Tätigkeitsbereichs motiviert? Haben Sie da eine bestimmte Praxis erworben? Erfolge erzielt?

Lilly1974: Ja, und auch meine Nebentätigkeiten während des Studiums.

Gerhard Winkler: Lilly, es ist ganz natürlich, dass sich nach einer Weile im Job die Interessen aussortieren und man einfach erkennt, wo man mehr leisten kann und wo man mehr Gutes bewirkt. Eine Neuorientierung können Sie darum leicht im Anschreiben begründen!

azur: Guten Abend Herr Winkler, ich habe in meiner letzten Tätigkeit, die knapp 6 Jahre angedauert hat, 2 Kinder bekommen und habe jeweils ca. 1 Jahr Erziehungszeit gehabt. Gebe ich das in meinem Lebenslauf mit an?

Gerhard Winkler: Liebe(r) Azur, ich würde Phasen der Elternzeit mit aufnehmen, aber eingerückt als Teil des Jobeintrags.

Manuela: Hallo Herr Winkler, ich habe meine Bewerbungsbilder in Schwarz-Weiß machen lassen. Meint "Lichtbild" immer eins in bunt? Und wenn ja, wäre es schlimm, trotzdem ein SW-Bild zu schicken?

Gerhard Winkler: Manuela, vom Arbeitsleben gezeichnete, leicht angegriffen aussehende Menschen meines ehrwürdigen Alters lassen sich gern in SW ablichten. Die Appretur ist raus, der Glanz im Gesicht ist hin. Man setzt da voll auf Charakter. Wenn eine Dreißigjährige sich in SW fotografieren lässt, stellt sich immer die Frage: Hat die Person ein Hautproblem? Es ist heute technisch kein Problem, echte Hauttöne zu produzieren oder Porträts zu retuschieren. Warum dann SW? - Ich liebe Cartier-Bresson, Mapplethorpe und Gisèle Freund, aber die haben Zeitgenossen und keine Kandidaten abgelichtet.

Manuela: Bedeutet Lichtbild immer ein Foto in Farbe?

Gerhard Winkler: Nein, man ist völlig frei, ob man ein SW- oder Farbfoto vorlegt. Früher war das eine Kostenfrage. Heute ist es eine rein ästhetische Frage.

zilla: Kann ich Bewerbungsfotos ersetzen durch ein gescanntes Foto auf meinem Deckblatt? 

Gerhard Winkler: Scannen Sie keine Fotos. Wirklich nicht. Montieren Sie eine Fotodatei ein und gehen Sie für den Ausdruck zu einem guten Copyshop.

N’Abend: Guten Abend, Herr Winkler. Sie raten ja dazu, im Anschreiben konkret zu sagen, welche Tätigkeiten man in früheren Jobs ausgeübt hat, verbunden zum Anforderungsprofil der Stelle. Sollte man die darin enthaltenen Kompetenzen, zum Beispiel Schreibfähigkeiten, auch selbst benennen, oder einfach bei der Beschreibung der eigenen Tätigkeiten bleiben?

Gerhard Winkler: Hallo, N'Abend. Sie schneiden eine Kernfrage an! Und ich gebe eine ganz brutale Empfehlung, die viele Bewerber bestützen wird: Beschränken Sie sich auf die Darlegung dessen, was Sie gemacht, getan, geleistet, gelernt, erreicht, bewirkt haben. Ziehen Sie daraus keine Schlussfolgerung auf Ihre Soft-Skills und Fähigkeiten. Das ist Job des Personalers. Etwas anderes im Jobinterview, da können Sie so etwas darlegen - aber auch da gibt es ein besseres Mittel, um seine Stärken zu kommunizieren.

N’Abend: Welches bessere Mittel für Interviews, als Skills selbst zu benennen, haben Sie vorhin angedeutet, Herr Winkler?

Gerhard Winkler: Legen Sie Aussagen über Ihre persönlichen Stärken den GLAUBWÜRDIGEN DRITTEN in den Mund. Vorgesetzte, Ausbilder, Dozenten ... etc. Nichts überzeugt mehr als das Urteil Dritter.

zilla: Ich möchte eine Saisonanstellung, nämlich 6 Monate Hotellerie in der Schweiz antreten. Ist es üblich ein Vorstellungsgespräch persönlich zu absolvieren oder reicht ein Telefongespräch?

Gerhard Winkler: Liebe(r) Zilla, das entscheiden die Jobanbieter, aber ich denke, dass die nicht auf einem persönlichen Treffen bestehen.

xxx: Guten Abend. Ich bitte um Tipps für E-Mail Bewerbung: Wie kann ich meine Zeugnisse etc. mit wenig Volumen, aber in guter Qualität versenden? 1 MB nicht zu überschreiten erscheint mir unmöglich. Wo liegt die absolute Obergrenze? Und sollte ich die Daten zip-komprimiert in einem Ordner senden oder jeden Anhang separat? Dankeschön 

Gerhard Winkler: Lieber XXX, die Scans bitte sorgsam bearbeiten, die Dateigrößen minimieren, alle Nachweise in ein einziges PDF bündeln, dieses am Ende noch einmal in der Dateigröße optimieren. Acrobat kann das, andere Tools schaffen das zum Teil auch. Werfen Sie Ihre Suchmaschine an und lassen Sie nach PDF KONVERTER forschen …

RedRose: Was trägt eine Schülerin, die sich um ein BA-Studium im Bereich Marketing oder um eine Ausbildung in diesem Bereich bewirbt, bei einem Vorstellungsgespräch bei einem kleinen Unternehmen (6 Mitarbeiter und 100 Mitarbeiter). Und was ist, wenn der Chef noch nicht einmal Hemd und Krawatte trägt und man selbst im Kostüm kommt?

Gerhard Winkler: RedRose, das Kostüm war die beste Wahl. Der Geschäftsführer mag salopp auftreten. Sie tragen ein Business-Outfit und er weiß, dass Sie sein Unternehmen auf beste Weise nach außen repräsentieren werden.

Martin: Ich möchte gerne im Krankenhauscontrolling arbeiten, wo sollte ich begründen, warum? Schon im Anschreiben oder erst im Vorstellungsgespräch? 

Gerhard Winkler: Sie wissen, wo Ihr Platz sein soll. Erheben Sie bereits im Anschreiben Anspruch auf diesen Platz!

Lilly1974: Herr Winkler, während eines Vorstellungsgesprächs wurde ich gefragt, was bisher meine größte Niederlage im Leben war. Ich erzählte etwas von einer Prüfung, in der ich ungerecht behandelt wurde. Alle Anwesenden empörten sich über diesen Professor und ich war peinlich berührt. Wie reagiert man auf so eine Frage?

Gerhard Winkler: Beten Sie, dass diese Geschichte Ihnen nicht schadet. Als Bewerber kämpft man nicht um Mitleid. Man kämpft um Vertrauen, Wertschätzung und um Respekt.

Lilly1974: Ja, aber wie umschifft man Fragen, die zu persönlich sind?

Gerhard Winkler: Gar nicht. Jede Frage ist ein Anlass, um gut über sich zu sprechen. Erzählen Sie ja nicht von sich als Pechvogel, Unglückswurm, armes Häschen!

Manuela: Was wäre denn ein Beispiel für eine erfahrene Niederlage, die man gefahrlos anbringen kann?

Gerhard Winkler: Alles, woraus Sie gelernt haben oder was Sie ausgebügelt oder doch noch gemeistert haben. Beziehen Sie solche Fragen so gut es nur geht auf das Job- oder Ausbildungsleben. Niederlagen sind keine Ungerechtigkeiten. Es sind Lernanlässe. Krisenmomente sind in Ihrer Story immer die Anlässe, um die Kurve gekriegt zu haben. Fliegen Sie im Interview, in Ihrer Erzählung nie aus der Kurve.

azur: Darf man im Gespräch erzählen, dass man den letzten Job wegen zu unflexiblen Arbeitszeiten wegen Kinderbetreuung verlassen hat?

Gerhard Winkler: Oh, Azur, Personaler hören ungern, dass man zeitlich nicht flexibel ist. Aber wenn Sie in einem engen zeitlichen Korsett leben, dann bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als sich da im Jobinterview mit dem Arbeitgeber abzustimmen.

biene: Hallo, ich habe eine Frage zur Zu- oder Absage nach einem Gespräch: wenn man nach 4 Wochen immer noch nichts gehört hat, und offensichtlich immer wieder vertröstet wird und dann doch keine Antwort bekommt (weder eine Zu- noch eine Absage), einfach gar keinen Rückruf mehr bekommt, kann man dann eher davon ausgehen, dass man die Stelle nicht hat, bzw. die gerade mit anderen verhandeln? Bringt anrufen und noch mal nachfragen dann überhaupt was? Mach ich mich dann da mittlerweile nicht nur unbeliebt sondern auch noch lächerlich??? 

Gerhard Winkler: Sie haben 4 Wochen lang den Kontakt gesucht. Das war OK. Jetzt rühren Sie sich einfach nicht mehr und gehen nach vorn. Es gibt neue Chancen, neue Gespräche, neue Gelegenheiten.

Nicole: Danke, lieber Herr Winkler! Mannomann, in meinen ersten Job bin ich quasi reingerutscht, da war die Bewerbung reine Formsache. Jetzt sieht es im Unternehmen nicht gut aus und ich will mich proaktiv auf einen neuen Job bewerben. Jetzt muss ich mich erstmals so richtig intensiv mit der Thematik Bewerbung befassen, ächz. Was, wenn man mich nach der Motivation für meinen angestrebten Jobwechsel fragt? Kann ich zugeben, dass die Situation im alten Unternehmen für alle ungewiss ist? Oder lieber lügen und was von neuen Herausforderungen erzählen? Danke!

Gerhard Winkler: Schwere Frage. Wenn Sie Ausflüchte machen, riecht man das drei Meilen gegen den Wind. Sie dürfen Ihr Unternehmen auch nicht schlechtreden.

Doreen: Guten Abend Herr Winkler, kann ich die Arbeit in einem Cafe als Übergangsbroterwerb in einer Bewerbung für die Position einer Dipl.-Ing. erwähnen?

Gerhard Winkler: Würde ich im Anschreiben verpacken - etwa am Ende des zweiten Drittels. Ich mache das so bei Klienten und trage in den ersten beiden Abschnitten erst einmal alle Pro-Argumente zusammen. Im Jobinterview würde ich das schon thematisieren. Es spricht doch für einen.

biene: Oh, und noch was: wie viele Praktika nach dem Uni-Abschluss sind denn eigentlich noch vertretbar? Ich dachte, bevor ich gar nichts mache, definitiv besser als nichts, aber wirklich weiter bringen sie mich scheinbar eben auch nicht.

Gerhard Winkler: Praktika nach dem Studienabschluss sind wie Bushaltestellen im Regen. Scheußlich, ungemütlich, man will nur weiter. Aber eben immer noch besser, als ganz ohne Dach über den Kopf im Regen zu stehen. Halten Sie durch!

tonifritte: Hallo, guten Abend. Gehören Zeugnisse zwangsläufig in die E-Mail Bewerbung? Welchen Romantitel von Kafka würden Sie als erstes empfehlen?

Gerhard Winkler: Zeugnisse als Absolvent immer beilegen, als Jobwechsler nur mit den Antworten auf Stellenangebote. Versuchen Sie es mit den Erzählungen, aber lesen Sie keine auf der Fahrt zu einem Jobinterview.

zilla: Mein Partner war ein Jahr im Gefängnis. Wie kann er das im Lebenslauf umschreiben, ohne dass es negativ auffällt? 

Gerhard Winkler: Ich würde es nicht umschreiben; Ich würde jeden Jobanbieter anrufen und ihn bitten, auch auf das zu schauen, was man in der Zeit vor und danach gemacht hat. 

Vielen Dank für Ihre rege Teilnahme und für die vielen Fragen! Unser Gespräch war gut, doch die Zeit ist wieder einmal um! Danke, dass Sie am heutigen Abend Zeit für unseren Chat gefunden haben. Besten Dank auch an Michael Gittinger, der die Webtechnik betreut, uns die Eingabefenster frei hält und den korrekten Seitenaufbau überwacht! Schönen Abend! Viel Spaß noch im Web und kommen Sie gut nach Hause!