Chatprotokoll vom 05.07.2006

Offener Chat mit dem Bewerbungshelfer

Mit Gerhard Winkler - Chatprotokoll vom 05.07.2006

Moderator: Willkommen beim formyourself.de Bewerber-Chat mit Gerhard Winkler. Heute mit dem Thema »Korrekt bewerben - Karriere steuern - Konflikte lösen«.

Gerhard Winkler
Gerhard Winkler

Gerhard Winkler: Hallo, ich freue mich über Ihre aktive Teilnahme und über viele Fragen …

Kati: Hallo Herr Winkler. Ich werde in 2 - 3 Monaten mein Studium (Wirtschaftssinologie) beenden und möchte im Anschluss daran in die Arbeitswelt einsteigen. Ich bin 22 Jahre und habe bis auf ein Auslandspraktikum kaum praktische Erfahrung. Wie schätzen Sie meine Chancen, in einem Unternehmen einen Job zu bekommen, ein? Ist ein Praktikum vor dem „richtigen“ Arbeitsbeginn sinnvoller?

Gerhard Winkler: Sie haben einen Abschluss … schauen Sie, was Sie damit anstellen können … Rufen Sie doch bei Jobanbietern an und verdeutlichen Sie, dass Sie AUCH an einem Praktikum interessiert sind … Was können Sie als Wirtschaftssinologin anbieten?

Kati: Mein Praktikum war zusätzlich von Mobbing begleitet. Dementsprechend fiel mein Zeugnis eher befriedigend aus. Ich habe neben dem Zeugnis auch eine Bestätigung erhalten, dass ich ein Praktikum absolviert habe und welche Aufgaben ich gemacht habe. Reicht es bei einer Bewerbung aus, nur das mitzuschicken? Das Zeugnis ist mir etwas peinlich.

Gerhard Winkler: Während der Jobsuche NIE erwähnen, dass man - auch unverschuldet - Probleme am Arbeitsplatz hatte. Ist das Zeugnis wirklich so mies? Welche Formulierung ist Ihnen peinlich? Reichen Sie im schlimmsten Fall nur die Bestätigung ein.

Kati: bearbeitete ihre Aufgaben selbstständig und zeigte Einsatzbereitschaft … das ist doch in dem Ton der Note 3 geschrieben. Es klingt einfach nicht toll und Personen vom Fach erkennen das doch sofort.

Gerhard Winkler: Es ist nur ein Praktikumszeugnis. Klar wäre erbrachte konstant hohe Leistungen besser. Akzeptieren Sie's und bewerben Sie sich damit.

Zen-Kai: Hallo Herr Winkler. Folgende Frage zur Initiativbewerbung: Nicht jede Ausbildung hat nur eine Berufsmöglichkeit (z.B. Zahnarzt). Da ich Wirtschaftsinformatik studiert habe, sind mehrere Stellenangebote möglich. Wenn ich mich jetzt bei einem Unternehmen initiativ bewerbe und nicht direkt auf eine Stelle - geht so etwas überhaupt? Ist das sinnvoll? Wenn ja, wie? Das gewünschte Arbeitsumfeld umschreiben?

Gerhard Winkler: Als Wirtschaftsinformatiker sind Sie vielseitig einsetzbar. Definieren Sie, was Sie gut & gern machen, formulieren Sie Ihren Job-Claim & ab die Post! Was man leisten möchte, leitet man davon ab, was man bereits erbracht und gezeigt hat.

Zen-Kai: Ist es sinnvoll, sich bei großen Unternehmen, die mehrere Stellen ausgeschrieben haben, auch auf mehrere Stellen zu bewerben? Jeweils einzelne Bewerbungen, da evtl. verteilte HR-Center oder lieber eine Bewerbung, in der das Interesse auch für die weiteren Stellenangebote Jobangebote beschrieben wird?

Gerhard Winkler: Ich tendiere dazu, dass man sich nur auf die Stelle hin bewirbt, die für einen am attraktivsten ist. Es verfälscht das klare Profil, wenn man sich für alles Mögliche anbietet. Andererseits sind Sie als Einsteiger jemand, dem noch viele Wege offen stehen. Mein Rat: Anrufen und vorab telefonisch eingrenzen, wofür man sich am besten bewirbt.

Zen-Kai: Nochmals zu großen Unternehmen: wenn ich mich letztes Jahr bei einem Unternehmen auf eine Stelle beworben habe, kann ich das Unternehmen jetzt abhaken oder kann ich mich jetzt wieder dort auf eine Stelle bewerben?

Gerhard Winkler: Ich würde mich unverdrossen immer wieder bewerben, aber meine Unterlagen ständig weiter verbessern. Wenn man sich an Ihren Fall erinnert, dann sollte die erste Erkenntnis sein, dass Sie zwischenzeitlich an sich gearbeitet haben …

Zen-Kai: Eine Frage zu Personalvermittlungen: Erst wenn der Arbeitsvertrag unterzeichnet ist, erhält der Personalvermittler seine Provision vom Arbeitgeber. Diese ist wohl abhängig von Stellung und Gehalt des Vermittelten. Das Dilemma: mein Gehalt möchte ich natürlich möglichst hoch/angemessen. Der Vermittler deutet an, dass meine Vorstellung zu hoch ist. Er würde ja profitieren von meinem hohen Gehalt. Allerdings ja erst bei Vertragsabschluss. Das Gehalt ist weit unter branchenüblichen Mittel. Drauf eingehen? Pokern?

Gerhard Winkler: Wenn es ein erfahrener Vermittler ist, hat er sicher ein gutes Gespür für das Mögliche. Legen Sie ihm Ihre Argumente dar. Können Sie ihn überzeugen? Dann gilt es nur noch, den Jobanbieter einzustimmen.

Zen-Kai: Für Bewerbungsunterlagen: Welche Zeugnisse wähle ich aus? Alle Arbeitszeugnisse oder nur das letzte? Zu Ausbildungszeugnissen: Sollen alle Seiten mitgeschickt werden oder nur die erste, also die Titelseite? Und wenn diese keine Note enthält, sondern nur den Abschluss?

Gerhard Winkler: Als Berufseinsteiger packen Sie drauf, was man aufladen kann: ALLE Arbeitszeugnisse und Nachweise. Komplette Ausbildungszeugnisse. Referenzschreiben.

Zen-Kai: Wenn bei der Stellenausschreibung mehrere Möglichkeiten der Bewerbung angeboten werden (Online-Formular/per Post/per Mail) - welche bleibt beim Personaler am besten hängen?

Gerhard Winkler: Das Online-Formular ist keine Präsentation. Papierbewerbungen sind aufwendig. Ich würde für eine Mailbewerbung optieren.

markus: Wie stehen Unternehmen eigentlich zu jungen Vätern? Ist das eher nachteilig, oder von Vorteil? Wie stelle ich meine Vaterschaft im Lebenslauf dar?

Gerhard Winkler: Heiraten Sie die Mutter Ihres Kinds. Als junger Familienvater werden Sie besonders hart arbeiten und fleißig sein. Im Ernst: Ihre Vaterschaft ist ein guter Anlass um zu zeigen, dass Sie verantwortungsvoll handeln.

markus: Ein Frage zur Promotion: Wie gestalte ich die Zeit meiner Promotion (Wirtschaftswissenschaften) möglichst sinnvoll, um später einen besseren Einstieg ins Berufsleben zu erhalten.

Gerhard Winkler: Haben Sie in dieser Zeit als Assistent, Lehrbeauftragter o. ä. gearbeitet? Oder nebenbei gejobbt? Vielleicht ist das Thema der Promotion bereits mit der beruflichen Praxis verknüpft …

markus: Stehe grade vor der Entscheidung, eine Promotion überhaupt erst zu beginnen.

Gerhard Winkler: Wovon werden Sie leben? Markus, ich habe noch keinen Fall erlebt, wo jemand NUR promoviert hat. Sammeln Sie sinnvolle Praxiserfahrung.

markus: Das steht grade auch noch zur Debatte. Entweder Stipendium oder finanziert über ein EU-Projekt. Vielleicht suche ich auch eine Firma mit Interesse an dem Thema.

Gerhard Winkler: Sie werden sicher als Kaufmann nicht ein allzu abgehobenes Thema wählen. Aber bewähren Sie sich selber auch in der beruflichen Praxis!

Zen-Kai: Angabe zur Beschäftigung: Während dem Studium habe ich diverse Hiwi-Jobs gemacht. Nach dem Studium diverse geprüfte Hiwi-Stellen. Muss ich das jeweils dazuschreiben - darf ich das verheimlichen und mich groß machen, indem ich nur die Stelle sag (EDV-Beratung, Datenbankentwicklung)? Wer genau hinschaut, kann es ja sowieso im Arbeitszeugnis nachlesen.

Gerhard Winkler: Notieren Sie im Lebenslauf: Position (Jobtitel laut Arbeitszeugnis), Organisation + Rechtsform, Ort. Listen Sie Ihre alltäglichen Aufgaben, Pflichten, Zuständigkeiten auf (NUR Hauptwörter). Schreiben Sie am Ende des Eintrags "studienbegleitende Tätigkeit" … Ihre Lebenslauf-Angaben haben konform zu den Angaben im Arbeitszeugnis zu sein. Nicht verschönern!

markus: Ist OpenBC ein guten Weg, um sich auf Jobsuche, oder die Suche nach Kontakten zu begeben? Und wie kann ich es gezielt nutzen?

Gerhard Winkler: Sie können zum Beispiel mich über OpenBC kontakten … OpenBC nutzen Sie, indem Sie sich erstmal Zeit nehmen zu schauen und sich mit eigenen Aktionen zurückhalten. Dann steigen Sie peu à peu ein und machen sich durch aktive Kommunikation und durch gelungene Beiträge beliebt. Kontakten Sie interessante Leute. Keine Scheu!

Zen-Kai: Wann macht es Sinn, sich auf Stellenangebote zu bewerben: leider viel zu oft finde ich interessante Stellen, die aber mindestens 3 - 5 Jahre SAP-Erfahrung erfordern. Selbst Einstiegspositionen. Kann ich davon ausgehen, dass der Arbeitsmarkt dermaßen mit Leuten mit SAP-Erfahrung überfüllt ist und somit ist eine Bewerbung hier überflüssig?

Gerhard Winkler: Halten Sie doch einfach IHRE SAP-Erfahrung dagegen und warten Sie die Reaktion (von mehreren Job-Anbietern) ab. Immer dann, wenn Sie Zweifel an Konditionen oder Vorgaben haben, rufen Sie zuerst beim Jobanbieter an. Und Sie kontakten natürlich auch, wenn aktives Kennenlernverhalten Teil der immanenten Jobbeschreibung ist.

britta: Hallo Herr Winkler, ich bin mir nicht klar darüber, wohin in meinen Lebenslauf ich meine Nebentätigkeiten packen soll, die ich am Wochenende verrichte, um mein Einkommen zu verbessern. Ich arbeite als Bedienung und das nur immer saisonbedingt seit 4 Jahren. Hauptberuflich bin ich Sachbearbeiterin und wenn ich mich nun bewerbe, passt es irgendwie nirgends so recht hin.

Gerhard Winkler: Machen Sie zwei Fassungen Ihres Lebenslaufs. Die eine ohne den Nebenjob. In die zweite kommt die Wochenendarbeit unter BERUFLICHE PRAXIS: seit Monat.Jahr --- Aushilfe, Waldschänke Laws, Plochingen. Ich würde von Bewerbung zu Bewerbung entscheiden, ob der Nebenjob ein Proargument ist oder den Arbeitgeber nicht doch verschreckt und verstört. Es zeigt natürlich Belastbarkeit, Einsatzfreude, Robustheit, Arbeitswillen … macht der Zweitjob wenigstens Spaß?

britta: Nein, aber er ernährt mich besser, sodass ich manchmal auch in den Supermarkt einkaufen gehen kann und nicht nur bei Aldi. Vielen Dank für den guten TIP!!!

Gerhard Winkler: Liebe Britta, es schleichen sich ja doch USA-Verhältnisse bei uns ein. Ist Ihr Sachbearbeiter-Job so mies bezahlt?

Simone: Der Vergleich ist wirklich sehr gut gewählt. ja, ich denke langfristig werden wir Verhältnisse wie in den USA bekommen. Bei den steigenden Kosten und der drohenden Gesundheitsreform und Mehrwertsteuererhöhung bleibt einem nichts anderes übrig als dazu zu verdienen. Schade, dass es dann der eigentlichen Berufung nicht immer dienlich ist!

Gerhard Winkler: Ich drücke Ihnen fest die Daumen, dass Sie sich beruflich verbessern. Tun Sie aber auch selber was. Bilden Sie sich "außerhalb der Saison" beruflich weiter!

Gerhard Winkler: Welche Fragen liegen Ihnen auf dem Herzen? Wir sind heute eine kleine Runde … Sie dürfen fragen, was Sie wollen …

Zen-Kai: Hm...wie lange dauert bei Ihnen ein Bewerbungsdienst in der Regel? Ich habe Ihnen eine Mail geschrieben und sitze etwas auf glühenden Kohlen. :-)

Gerhard Winkler: Ich habe mittlerweile sogar eine (ehrenamtliche) Assistentin, die mir sehr fix zuarbeitet, aber bei mir staut sich das dann. Wenn ich nicht reagiere, alle 8 Stunden per Mail nachfassen!

markus: Sind Personalvermittlungen/Headhunter ein sinnvolles Mittel zur Jobsuche auch für Absolventen? Wie kontaktiere ich oben genannte oder kontaktieren diese mich?

Gerhard Winkler: Headhunter und Absolventen passen zusammen wie Schatzgräber und Katzengold. Wenn sich ein Headhunter um Sie als Einsteiger bemüht, dann ist er keiner.

markus: Wie erkenne ich einen guten Headhunter? Was muss er leisten?

Gerhard Winkler: Er identifiziert den oder die Richtige für einen Job, macht die Präselektion und sorgt für den vertrauensvollen Rahmen. Die Wechselzone ist für Fach- und Führungskräfte ein schwieriges Gewässer.

markus: Ist eine eigene Homepage oder ein Blog eine gute Möglichkeit auf Jobsuche zu gehen? Welche Elemente, Inhalte etc. sollte sie/es enthalten?

Gerhard Winkler: Immer dann, wenn Sie Ihre Dienste und Leistungen auch freiberuflich anbieten könnten oder wenn Content und Technologie auf berufliche Fähigkeiten hinweisen, sind Webaktivitäten sinnvoll. Gibt es keine Überschneidung zwischen Online-Auftritt und professionellem Ich, ist eine Web Site für Vermarktungszwecke ziemlich sinnlos.

Zen-Kai: Trotz Weiterbildung dauert die Bewerbungsphase bei mir schon an. Freunde und Bekannte rauschen die Jobleiter hoch und ich habe das Gefühl, immer mehr in ein Loch zu fallen. Haben Sie Tipps zu Anlaufstellen für psychische Beratung? Das Gefühl, dass man alleine im Boot sitzt und nicht voran kommt, obwohl man strampelt, ist manchmal erdrückend.

Gerhard Winkler: Lieber Zen-Kai, gerade online bilden sich so viele Communities von Schicksalsgefährten und Mitstreitern. Sie sind nicht allein.

Moderator: Der Chat wird nun geschlossen, Herrn Winkler und allen Teilnehmern ein herzliches Dankeschön fürs Mitmachen und noch einen schönen Sommerabend! Auf Wiedersehen!

Gerhard Winkler: Besuchen Sie mich auf formyourself.de oder jova-nova.com. Mailen Sie mir, wenn Sie weitere Fragen haben. Falls Sie mich beauftragen und ich reagiere nicht, hier die Geheimadresse: sigrun.laws@jova-nova.de. Informieren Sie Frau Laws und sie sorgt dafür, dass ich Ihre Unterlagen in einem vernünftigem Zeitrahmen bearbeite. Schönen Abend!