Mit Gerhard Winkler - Chatprotokoll vom 05.12.2007
Moderator: Willkommen beim formyourself.de Experten-Chat mit Gerhard Winkler.

Gerhard Winkler: Hallo, ich begrüße Sie heute mit einem Fundstück aus einem Anschreiben: "Meine täglichen Office-Anwendungen vertriefe ich zurzeit in EDV-Kursen an der XXX-Universität." - Lassen Sie uns heute Abend Themen rund um Bewerbung, berufliches Weiterkommen, Jobfindung und Jobglück vertriefen.
Bewerber: Guten Abend Herr Winkler, ich habe ein paar Fragen an Sie. Letztens las ich den ausdrücklichen Rat, im Lebenslauf keine Fortbildungen bzw. Kurse im Bereich Rhetorik anzugeben. Begründung: Entweder man kann reden, oder man schweigt sich drüber aus. Teilen Sie diese Auffassung?
Gerhard Winkler: Die Arroganz hinter einer solchen Aussage ist durch keinerlei Erkenntnis gedeckt. Schauen Sie, die besten Golfspieler der Welt nehmen selber Golfstunden. Die besten Ärzte bilden sich auf ihrem Gebiet eifrig fort. Keine Koryphäe auf dieser Welt, die in Demut vor ihrer Aufgabe steht, würde eigene Lernanstrengungen unterlassen oder sie gar verschweigen.
Keinen Rhetorik-Kurs angeben? Mit der gleichen Masche kann man gegen Englisch-Trainings angehen: Entweder, das flüssige Englisch sprudelt aus einem oder man hat sich zu schämen. Rhetorik resultiert wie jede Kunstfertigkeit aus Talent, Training und Erkenntnis. Jeder profitiert, wenn er von den Meistern lernt!
Matt: Hallo Herr Winkler, ich habe mich für einen Ausbildungsplatz beworben, bei einem großen internationalen Konzern. Den Einstellungstest habe ich schon hinter mich gebracht und wurde prompt zum letzten Assessment eingeladen, welches Team- und Einzelgespräche beinhaltet. Leider habe ich in meiner Bewerbung einen kleinen Rechtschreibfehler eingebaut und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich auf diesen angesprochen werde. Wie kann ich am besten reagieren? Und was würden Sie mir allgemein für die Teamaufgaben empfehlen?
Gerhard Winkler: Hallo, Matt, es besteht die große Wahrscheinlichkeit, dass der Tippfehler übersehen wurde und die noch größere, dass man ihn nicht anspricht. Im Gespräch können Sie auf die Frage nach Ihren Schwächen vielleicht anbringen: "Ich strebe Perfektion an; dass es mir nicht immer gelingt, sehen Sie am Anschreiben". - Noch besser allerdings, Sie verschweigen auch von sich aus den Vertipper und konzentrieren sich in der Vorbereitung ganz auf die Aufgaben, die Sie im Assessment-Center erwarten!
Matt: Eine Frage habe ich noch, vor den Tests wurde vom Personalchef angesprochen, dass die Leute, die sie ausbilden, auch übernommen werden. Doch fand ich jetzt durch Recherche im Web heraus, dass der Konzern 20000 Stellen streichen will. Dazu muss ich aber sagen, dass der Konzern mir sehr gut gefällt, ich jetzt aber sehr verunsichert bin. Wem sollte ich Ihrer Meinung eher glauben?
Gerhard Winkler: Na ja, egal, was man Ihnen vor einer Ausbildung sagt: Sie dürfen sich nicht darauf verlassen, dass Sie übernommen werden. Das ist aber auch kein Grund, sich zu beunruhigen. Im letzten Ausbildungsjahr stellt man nach und nach die Weichen für das nächste berufliche Ziel! Erste Priorität hat für Sie aber, sich die bestmögliche Ausbildung zu sichern!
Emil: Hallo Herr Winkler, ich suche eine Ausbildungsstelle. wie mache ich den Lebenslauf für eine Onlinebewerbung? Ich muss doch schon alles ins Formular eingeben. Noch mal alles? Und wenn ich die Wahl habe zwischen Postbewerbung und Internetbewerbung, was ist dann besser?
Gerhard Winkler: Bauen Sie immer zuerst Ihren Lebenslauf als Word-Dokument auf. Ihr starkes Datenblatt ist die Info-Sammlung und Vorlage für die Dateneingabe in ein Online-Formular. Im Online-Formular kann man eher mehr Infos einstellen. Der Lebenslauf sollte 3 Seiten keinesfalls überschreiten, aber Formularfelder können Sie richtig satt auffüllen. jetzt kommt der Trick: Immer auch den Lebenslauf (Word oder PDF) mit hochladen!
Bewerber: Noch eine Frage: In einem Ihrer Beispiellebensläufe ordnen Sie den bei männlichen Bewerbern fast obligatorischen Punkt "Wehrdienst Zivildienst" der Ausbildung unter. Anderswo sehe ich die komplette Alleinstellung als eigener Unterpunkt. Dies erscheint mir etwas zu auffällig. Würde denn "Berufliche Praxis" eher passen? (Zumindest beim Zivildienst, der ja ein relativ normales Arbeitsleben mit sich bringt.)
Gerhard Winkler: Die eigene Rubrik ist durch nichts gerechtfertigt. Dienst an der Gesellschaft leisten junge Leute, die noch nicht im Beruf stehen. Das Ganze soll auch das Herz, den Charakter, die Sozialfähigkeit, den Bürgersinn ... am Ende auch die Fähigkeit, Leerlauf und Langeweile auszuhalten, bilden. Es ist definitiv auch deshalb kein Job, weil Sie ihn nicht frei wählen. Für Frauen gilt das gleiche. Nur die mehrjährige Dienstverpflichtung rubriziere ich unter BERUF.
Bewerber: Aber ist es denn ein Teil der Ausbildung? Diese wähle ich schließlich auch selber und zielgerichtet.
Gerhard Winkler: Ihnen ist bestimmt, eine Schule zu besuchen und die Schulart können Sie auch nicht frei wählen - da müssen Sie Aufnahmekriterien erfüllen. Solange Sie Ihre Dienste an Kindern, Kranken, Behinderten ... am Frieden unter AUSBILDUNG einordnen geben Sie zu verstehen, dass Sie dabei etwas gelernt haben ... aber fragen Sie mich nicht, was - ich will hier keine Moralpredigt halten.
Emil: Sind Rechtschreibfehler wirklich so schlimm? In den Internetbewerbungen kann man das doch nicht prüfen?
Gerhard Winkler: Alle rechtschreibschwachen Leute halten alternative Schreibweisen für tolerabel. Wir Leute, denen Defizite im schriftlichen Ausdruck anderer Personen auffallen, finden, dass man daraus auch auf weitere ungute Qualitäten schließen kann. Korrektheit im Ausdruck ist und bleibt ein distinktives Merkmal, um Andersschreibende und Schwache auszugrenzen. Ich halte selbst nichts von der Devise, das Ganze zu relativieren, für die diffizile Schreibsozialisation anderer Leute Verständnis zu heucheln und andere Schreibunkulturen anzuerkennen. Schreiben ist Denken. Denken Sie an die Regeln und schreiben Sie nie, wie es in Ihnen gerade so denkt.
Bewerber: Noch eine der heftig diskutierten Fragen: Sehr gutes Papier (zum Beispiel Gohrsmühle) oder einfaches, unauffälliges Kopierpapier für Anschreiben/Lebenslauf? Was spricht dafür, was dagegen?
Gerhard Winkler: Ich weiß nicht, was eigentlich genau für teureres, dickeres, weißeres, wetigeres Papier spricht. Ist es geduldiger als 80g-Druckerpapier? Kommt man in die Redaktion von PARK AVENUE nur als Volontär rein , wenn man seine Bewerbung auf Gohrsmühle druckt? - Ich würde denen einfach eine Mail schicken.
Petra: Hallo Herr Winkler, reicht auch eine Seite Lebenslauf für Schüler? Außer zur Schule gehen hab ich nichts gemacht, brauch ich den überhaupt?
Gerhard Winkler: Sie brauchen einen Lebenslauf. Und der ist so lang, wie er wird, wenn Sie SCHWERPUNKTSFÄCHER, PROJEKTE, ARBEITSGEMEINSCHAFTEN, AUSLANDSSCHULE … MINI-, FERIENJOBS, PRAKTIKA ... SPORTLICHES, MUSISCHES, KULTURELLES, SOZIALES ENGAGEMENT, MITGLIEDSCHAFTEN … AUSSERSCHULISCHES LERNEN mit reingepackt haben.
dennis.mirsch: Guten Abend Herr Winkler, ich habe für Arbeitgeber keine Berufserfahrung, obwohl ich diverse private Jobs, Praktika und 1-Euro-Jobs im Bereich Netzwerk und IT erfolgreich ausgeführt habe und immer noch tue. Wie kann ich dieses Manko am besten verkaufen?
Gerhard Winkler: Ich verstehe die Frage nicht. Sie haben doch massig Praxiserfahrung. Bringen Sie die an, in Anschreiben und Lebenslauf! Schöpfen Sie aus dem Vollen und berichten Sie von allem, was Sie bisher geleistet haben!
Inge: Hallo Herr Winkler, wie lange dauert es etwa, bis ein Lebenslauf und Bewerbung von Ihnen durchgearbeitet ist? Ich hatte Ihnen eine Mail geschrieben. Und noch eine weitere Frage, gibt man in einem Bewerbungsschreiben an, dass man aufgrund der Standortschließung der Firma eine neue Arbeitsstelle sucht oder sollte man das besser nicht im Bewerbungsschreiben erwähnen.
Gerhard Winkler: Wenn, dann wirklich nur am Briefende: "Eine Standortschließung meines Arbeitgebers sehe ich als Chance, um mein berufliches Wissen und Können bei einem innovativen Produzenten von illuminierten Gartenspritzbrunnen wie Ihnen weiter zu entwickeln."
Gerhard Winkler: Inge, bitte nachfassen, wenn Sie von mir nichts hören. Oder direkt an meine Assistentin sigrun.laws@jova-nova.de mailen; die macht mir dann die Hölle heiß, wenn ich zu lange trödle. (Heute Nachmittag habe ich die Weihnachtspost vorbereitet ... peinlich.)
Chat: Hallo Herr Winkler, wie sieht ein Motivationsschreiben aus? Was ist anders als beim Anschreiben?
Gerhard Winkler: Kommt drauf an. Wenn Sie sich für eine Ausbildung bewerben, dann ist das Motivationsschreiben vielleicht im Ton eine Spur persönlicher gehalten. Aber ich habe andererseits alle Motivationsschreiben so wie Anschreiben aufgebaut. Am Ende wird noch auf die besondere Motivation eingegangen bzw. noch zusammengefasst, was beide Teile davon haben, wenn man den Kandidaten nimmt.
Chat: Und was für Bewerbungsmappen empfehlen Sie für Schüler? Geht es auch ohne?
Gerhard Winkler: Keine dreiflügligen, mit Prägedruck BEWERBUNG aufgehübschten, Pizzeria-Style-Klappmappen. So etwas nehmen Leute mit schwachem Selbstwertgefühl, Leute, die in wirtschaftsferner Umgebung aufgewachsen sind und Personen, die am liebsten auf Ihren Hund HUND, auf ihren Toaster HEISS und auf ihren Freund NICHT ANFASSEN schreiben.
Gerhard Winkler: Mit anderen Worten: Klemmhefter im Transparent-Look sind adäquat.
susi: Hallo, mich würde auch interessieren, wie schnell Sie in der Regel antworten können. Ich würde gerne Ihren 10/10-Service nutzen.
Gerhard Winkler: 10/10-Service geht in der Regel am selben Tag oder über Nacht. Mein Ziel: schneller als die Post. Meine Assistentin sagt: Hast Du schon das Buch SIMPLIFY YOUR OUTPUT gelesen?
susi: Klingt schnell :). Nein, was ist das für ein Buch?
Gerhard Winkler: Wenn es dieses Buch gäbe, müsste ich es sicher studieren …
susi: Dann habe ich das wohl falsch verstanden ...
Gerhard Winkler: In jedem Fall bemühen meine Assistentin und ich uns sehr, Bewerber nicht warten zu lassen!
susi: Ich habe auch noch eine Frage: Ist es Ihrer Meinung nach unverzichtbar, auf dem Bewerbungsfoto als Frau einen Blazer zu tragen? Oder reicht auch eine Bluse? (Die Bewerbung ist für ein Volontariat.)
Gerhard Winkler: Wenn ich Zwanzig wäre, würde ich sagen, Bluse oder Shirt, da ich Fünzig bin, empfehle ich BLAZER. Ich hab die Idee, dass geschäftliche Funktionskleidung schon ein bisschen wie eine Uniform ist. Ein Blazer kommt dem nahe …
Bewerber: Herr Winkler, aus Ihrer Erfahrung: Wie wichtig ist der Eindruck, den Personaler sehr leicht aus Portalen wie studivz bekommen können? Nutzen viele diese Möglichkeit?
Gerhard Winkler: Sie meinen, dass man Profile liest? Je mehr Leute sich um eine Stelle bewerben, desto weniger hat man Zeit dazu. Bei einer berufserfahrenen Fach- und Führungskraft recherchieren Rekrutierer, Headhunter und Jobanbieter eher im Web.
susi: Interessante Frage. Ich habe auch letztens gelesen, dass dort angeblich häufig recherchiert wird.
Gerhard Winkler: Na klar, wenn ich weiß, dass angehende High Potentials dort mit Aktivitäten prahlen, die sie zum Beispiel daran hindern, pünktlich morgens um 7.30 auf der Matte zu stehen. dann informier ich mich schon auch, bevor ich jemanden einlade. Man tendiert als Privatperson dazu, im Web (bildlich gesprochen) die Hose runter zu lassen. Eine meiner Grundregeln heißt, dass man sich als Bewerber bedeckt halten soll.
Inge: Hallo Herr Winkler, legt man in der Bewerbungsmappe die einzelnen Teilnahmebestätigungen von z.B. EDV Kursen mit bei?
Gerhard Winkler: Ja, zumindest die der letzten 3 - 5 Jahre, wobei es NICHT schlimm ist, wenn man nicht immer Nachweise hat. Im Lebenslauf so eingeben: Antike Rhetorik für Kaufleute I, VHS Plauen
susi: Sortiert man die Nachweise eigentlich besser nach Datum oder nach Wichtigkeit? Gerade solche Kurs-Nachweise finde ich ja z. B. weniger wichtig als Zeugnisse.
Gerhard Winkler: Ich würde umgekehrt-chronologisch sortieren.
Gerhard Winkler: Danke für das gute Gespräch! Sie haben prima Fragen gestellt und ich würde mich sehr freuen, wenn meine Antworten Ihnen weiter helfen! Ich bin auch per Mail für Ihre Fragen erreichbar: gwinkler@jova-nova.com.