Chatprotokoll vom 06.06.2007

Offener Chat mit dem Bewerbungshelfer

Mit Gerhard Winkler - Chatprotokoll vom 6.6.2007

Moderator: Willkommen beim formyourself.de Experten-Chat mit Gerhard Winkler. Um 19:00 geht es los!

Gerhard Winkler: Guten Abend! Wir sind nicht zu viele im Chat und Sie haben Zeit und Gelegenheit, über all das zu sprechen, was Ihnen auf dem Herzen liegt.

Petra1982: Hallo Herr Winkler, welche Zeugnisse lege ich nun der Bewerbung bei? Und in welcher Reihenfolge?

Gerhard Winkler: Hallo, Petra, wo stehen Sie gerade im (Berufs-) Leben?

Petra1982: Ich bin im ersten Job nach dem Studium.

Gerhard Winkler: Kein Abizeugnis mehr dazu legen, wenn Sie schon im Job stehen. Akademischer Abschluss + Arbeitszeugnisse (auch Zwischenzeugnis) + Praktikumsnachweise (sofern Sie Praktika noch im Lebenslauf haben) + Weiterbildungen + Referenzschreiben (falls Sie so clever waren, sich welche zu besorgen). Generell zu den Anlagen einer Bewerbung: Sie dienen nur als Beleg der Glaubwürdigkeit. Sie sind kein Teil der Argumentation. Pro-Argumente sammeln, ordnen und vorbringen, das ist Ihre Aufgabe!

Braini: Auf Ihrer Jova-Nova-Seite geben Sie Bewerbertipps, die doch recht weit entfernt sind von den üblichen Tipps in Büchern (beispielsweise Hesse/Schrader), zum Beispiel, was das Erscheinungsbild angeht. Ich bin da etwas unsicher, ob das nicht zu forsch ist!

Gerhard Winkler: Nicht der Bewerbungsberater hat recht, sondern die erfolgreichen Bewerber. Jeder Bewerbungsberater hat aber recht, der Sie dazu bringt, das, was faktisch für Ihre Jobeignung spricht, in einfachen und klaren Worten auszudrücken. Als Vortrag (Anschreiben) oder als Auflistung (Lebenslauf). - Probieren Sie meine Tipps aus und testen Sie, was Sie weiter bringt.

Braini: Ich habe mein Anschreiben mal nach Ihrem Farbenschema gecheckt und bin über das "rote" Ergebnis erstaunt - das ist wirklich eine gute Hilfe.

Gerhard Winkler: Grün und gelb markiert sind Aussagen, die real, konkret, faktisch und belegbar die Arbeits- und Lernleistungen beschreiben. (Mehr dazu auf jova-nova.com). – Irgendwann kommt heraus, wie einfach es ist, ein starkes Anschreiben zu texten. Dann brauche ich einen neuen Job.

Gerhard Winkler: Liebe Petra1982, lieber Braini, wie schätzen Sie Ihre Chancen auf dem Jobmarkt ein?

Braini: Da ich Teilzeit (bis 25 Stunden) etwas suche - eher schlechter!

Gerhard Winkler: Welche Tätigkeit streben Sie an?

Braini: im Personalumfeld.

Gerhard Winkler: Machen Sie das doch zum Aufhänger Ihres Anschreibens! Sie können sich erfolgreich bei einer Suchmaschine anmelden, wenn Sie eine Web Site sind. Als Human Ressource bleibt Ihnen nur, sich in die Datenbanken der Jobbörsen einzutragen

Braini: Aber welcher Personaler - vorausgesetzt das Unternehmen ist etwas größer - erinnert sich noch an das Telefonat?? ;-)

Gerhard Winkler: Kommt drauf an, ob Sie am Telefon ein starkes Angebot machen oder irgendeinen Sachverhalt kommunizieren, an den man sich hinterher erinnert. Ein Umstand aus Ihrer beruflichen Vita, der ungewöhnlich, bemerkenswert, seltsam ... ist.

helmut: Freiberuflich arbeite ich hauptsächlich für eine Firma. Mein Auftraggeber ignoriert mich, wenn ich nach einer Art Referenz frage. Was kann ich tun? Wie kann ich die Zeit im Lebenslauf beweisen?

Gerhard Winkler: Ich würde einen Tätigkeitsnachweis aufsetzen und Ihrem Auftraggeber vorlegen. Wenn er immer noch nicht reagiert, dann würde ich mich ein bisschen in die Rechtslage einlesen (vielleicht sind Sie von ihm abhängig und arbeiten im Großen und Ganzen nur für ihn) und das Gespräch mit ihm suchen. Haben Sie mit Kunden zu tun? Dann können Sie die auflisten. Ansonsten den Eintrag im Lebenslauf so weit wie möglich mit Wirklichkeitspartikeln aufladen: Projekte, Erfolge, Tätigkeiten.

helmut: Als freiberuflicher Mitarbeiter hat man keinen Rechtsanspruch auf eine Referenz. Der Chef will nur meine Arbeit und nicht das, was zur Mitarbeiterbetreuung gehört. Ich kann die Zeit nicht nachweisen, keine Projekte, das Geld ist sowieso mies. Meine Chancen auf dem Markt: schlecht.

Gerhard Winkler: Schreiben Sie doch mal hier auf, was Sie konkret machen. Ihr Jobtitel: freiberuflicher .....? Ihre Aufgaben, Zuständigkeiten etc. - Legen Sie los!

Adelaide: Hallo Herr Winkler, gerne schließe ich mich dem Chat mit folgender Frage an: Muss ich als Bewerberin für ein Praktikum immer einen Bezug auf Telefonat im Anschreiben nehmen? Vor kurzem gab mir ein Bewerbungsberater den Ratschlag, immer anzurufen, wenn eine Nummer gegeben ist. Wie sehen Sie denn das?

Gerhard Winkler: Direkt Ansprechen ist die effizienteste und wirksamste Art des Kontaktens, vorausgesetzt, man hat ein gutes Angebot, kann es knackig präsentieren und last but not least, man hat eine gute Telefonstimme und ein nicht nerviges Kommunikationsverhalten. Anrufen ja, aber das telefonische Kontakten und Akquirieren auch üben!

sonne: Das meinte ich auch. Wie mache ich interessant auf mich aufmerksam? Nur mit Angabe der Stelle, die ich suche, bin ich eine von vielen.

Gerhard Winkler: Sie würzen Ihr Online-Profil so wie den Lebenslauf auch mit Ihren Leistungen, Verdiensten, guten Noten, Aufgabenbereichen etc.

Adelaide: Zum Thema "Telefonat": Wenn man einige Fragen zu der Stelle hat, muss man sich auch auf ein "kleines Interview" einstellen? Und kommt es besser an, wenn das Online-Tool des Unternehmens benutzt wird? Ich habe zum Beispiel auch die E-Mail der Personalverantwortlichen und Telefonnummer, persönlich kenne ich die jedoch nicht.

Gerhard Winkler: Adelaide, ich würde einkalkulieren, dass der Gesprächspartner keine Zeit hat und ihn deshalb nicht mit meiner Rede zuschütten. Doch genauso würde ich davon ausgehen, dass meine spannenden Statements, meine angenehmen Umgangsformen, mein Leistungsangebot die Person am anderen Apparat zu Fragen reizen. Beim Telefonieren mit Jobanbietern immer erfühlen, ob der andere das Gespräch kurz halten oder gar beenden will.

Michael: Hallo Herr Winkler, wie würden Sie das Bewerberportrait in den Unterlagen platzieren?

Gerhard Winkler: Oben rechts auf das erste Blatt im Lebenslauf - dort stehen Ihre Hauptargumente und dort verweilt der Blick des Rekrutierers.

Adelaide: Und finden Sie den Satz "Erfolge habe ich in meinen Spezialgebieten .... erzielt" zu frech?

Gerhard Winkler: Ich würde so formulieren: "Zu meinen Erfolgen in SPEZIALGEBIET 1, SPEZIALGEBIET 2 .... zählen: AUFZÄHLUNG.

Michael: Dann habe ich das Problem, dass ich ursprünglich gelernter Zimmermann bin, danach eine Umschulung zum Großhandelskaufmann gemacht habe und nun mich auf einen Job in der Sozialarbeit bewerben möchte. Das alles geschah in einem Zeitraum von 10 Jahren und positiver Weise, habe ich mich ja weiterentwickelt. Aber mir fehlt der Ansatz, wie ich meine Bewerbung glaubhaft rüber bringe, ohne dass der Verdacht entsteht, dass ich mich auf jeden freien Job bewerbe. Mir kommt es komisch vor, meine Gedankengänge der letzten 10 Jahre im Anschreiben zu schildern, damit ich den Bogen gespannt bekomme.

Gerhard Winkler: Hören Sie, Michael, Sie müssen sich gegenüber einem Jobanbieter im Anschreiben N I C H T erklären. Formulieren Sie, was Sie für den Job befähigt. UND FERTIG.

Corazon: Hallo Herr Winkler! Ich habe immer einige Schwierigkeiten, den Anfang einer Bewerbung hinzubekommen. Welchen Tipp können Sie mir geben? Meistens sind es Initiativbewerbungen.

Gerhard Winkler: Stärkstes Argument zuerst. Ohne Schielen auf das, was das Schulbuch über Briefeinleitungen sagt. Sofort loslegen. Ohne Einleitung oder Höflichkeiten. Alles Weitere zum Thema auf jova-nova.com, in meinem Blog, in meinen Büchern.

Braini: Haben Sie einen Vorschlag wie man den Wunsch nach einem 25-Stunden-Job am besten formuliert, wenn im Stellenangebot keinerlei Angabe von Teilzeit oder Vollzeit steht?

Gerhard Winkler: Vor der Bewerbung anrufen, sein Profil schildern, fragen, ob das interessant klingt, falls ja, nachschieben, dass man nur eine halbe Stelle anstrebt.

Corazon: Welchen Tipp können Sie mir bezüglich eines Vorstellungsgesprächs geben, wenn der allgemeine Spruch kommt, ich hätte zu wenig Berufserfahrung?

Gerhard Winkler: Sie sagen: Sie wurden eingeladen. Ihre Lern- und Jobleistungen sind definitiv interessant. Jetzt fassen Sie die noch einmal zusammen: ... Und zu alldem bringen Sie die Frische der Jugend mit. Und die finanzielle Genügsamkeit des Einsteigers.

sonne: Ich arbeite im Personalbereich und habe oft mit Bewerbern zu tun. Warum tut man sich dann so schwer, seine eigene Bewerbung zu formulieren? Mir fällt es schwer, schon der erste Satz verbraucht jede Menge Energie und war noch nicht so, dass er mir gefällt. Womit fängt man an?

Gerhard Winkler: Warum es einem schwerfällt. 1. Unkenntnis des Konzepts "Bewerben" (Bewerben ist ein Leistungsangebot in Form einer doppelten Präsentation.) 2. Schiss, angemessen positiv über sich zu reden. Ich wiederhole mich: Bewerben ist wirklich einfach. Jeder weiß doch, was am meisten für ihn spricht. Oder er kriegt es schnell heraus, wenn er ein paar Leute fragt.

Adelaide: Mich beschäftigt noch eine Frage. Ich bewerbe mich für ein dreimonatiges Praktikum, nach dem ich mit meiner Diplomarbeit anfangen werde. Thema und Kooperationsunternehmen stehen schon fest. Gehört auch diese zukünftige Tatsache, was den Zeitraum nach dem Praktikum betrifft, auch ins Anschreiben?

Gerhard Winkler: Kommt darauf an, ob es argumentativ etwas bringt. Die Pläne und Absichten des Bewerbers sind in der Regel nicht von Belang, aber vielleicht können Sie damit Eindruck schinden.

Michael: Sollte ich bei einer E-Mail-Bewerbung das Anschreiben noch einmal mit anhängen?

Gerhard Winkler: Nur, wenn verlangt oder wenn Sie sich bei Papierkrämern verdingen wollen. Es gewinnt der Bewerber mit den besten Argumenten, dem strahlendsten Lächeln, den wichtigsten Fürsprechern, den umtriebigsten Agenten, die sich für ihn einsetzen. Nicht der Bewerber mit der am meisten aufgemotzten Bewerbung.

Corazon: Ich bin mir nicht sicher, wo mein stärkstes Argument ist. Ich habe eine Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht, konnte 1 1/2 Jahre Berufserfahrung sammeln. Besitze Sprachkenntnisse in Englisch und Spanisch.

Gerhard Winkler: Ganz sicher ist es Ihre Berufserfahrung.

Corazon: Danke! Ich hatte vor Kurzem erst ein Vorstellungsgespräch. Bekam aber dann per Telefon eine Absage mit der Begründung, die andere Kandidatin hätte mehr Erfahrungen in der Branche als ich.

Gerhard Winkler: Schicken Sie in drei Monaten eine erneute Bewerbung hin.

Corazon: Sie haben die Bewerbung behalten

Gerhard Winkler: Einfach den Jobclaim erneuern ... Hartnäckigkeit zahlt sich oft aus.

Adelaide: Ich muss auch nicht alles vom Lebenslauf im Anschreiben auflisten und nur die Sachen, die für mich sprechen, oder? Ich war für den Zeitraum von vier Jahren als studentische Hilfskraft in einer Bibliothek beschäftigt. Ist es nicht seltsam, wenn ich nichts darüber schreibe?

Gerhard Winkler: Wenn Sie Ihr Anschreiben texten, dann vergessen Sie alle Zeitbezüge. Denken Sie so: Was befähigt mich JETZT für den angestrebten Job? - Hilfskraft in einer Bibliothek kann immerhin signalisieren, dass Sie IRGENDEINE ART von Joberfahrung gemacht haben. Vorrang in der Argumentation hat immer, was die angestrebte Tätigkeit leistungsmäßig abdeckt.

Adelaide: Ich bin nicht sicher, ob es wirklich etwas bringt, wenn ich sage, dass ich zum "alten" Unternehmen zurückkehre. Einerseits spricht das für mich, da ich einen guten Eindruck bei meinem Arbeitgeber hinterlassen habe, so dass er mir das Angebot für eine Diplomarbeit macht. Andererseits, sieht das das andere Unternehmen positiv?

Gerhard Winkler: Geht es nicht nur um ein Praktikum? Um eine sowieso befristete Sache? Dann würde ich den Sachverhalt draußen lassen und mich darauf konzentrieren, was Sie als Praktikant bringen, leisten ... tun wollen.

Gerhard Winkler: Liebe Bewerber, Schluss für heute. Falls Sie weiter fragen möchten: Mailen Sie an gwinkler@jova-nova.com! Besuchen Sie formyourself.de! Laden Sie sich die kostenlose Broschüre für Erstbewerber STELL DICH DEM CASTING! herunter. Schönen Abend! Und wenn Sie auch in der Bewerbungsphase die G8-Tage kritisch begleiten, vergessen Sie nicht den alten Spruch von Ronco Spirelli: Das Kapital schafft sich seine Clowns. Doch nur Clowns arbeiten sich am Kapitalismus ab.