Chatprotokoll vom 06.11.2007

Offener Chat mit dem Bewerbungshelfer

Mit Gerhard Winkler - Chatprotokoll vom 06.11.2007

Moderator: Willkommen beim formyourself.de Experten-Chat mit Gerhard Winkler.

Gerhard Winkler
Gerhard Winkler

Gerhard Winkler: Guten Abend, liebe Chat-Teilnehmer. Wenn Sie keine akuten und brennenden Fragen haben, sondern eher mitlesen möchten, bitte outen Sie Ihre Interessensschwerpunkte! Worüber wollen wir reden?

Zuzi: Lieber Herr Winkler, ich komme aus einem Neu-EU-Land, möchte aber in Deutschland arbeiten. Allerdings brauche ich wegen meiner Staatsangehörigkeit eine Arbeitsgenehmigung - wie gehe ich mit diesem Thema am besten in Bewerbungen um? Es gleich im Anschreiben zu erwähnen wäre doch ein Bewerber-Selbstmord, oder?

Gerhard Winkler: Haben Sie noch keine Arbeitsgenehmigung? Hängt die davon ab, dass ein Arbeitgeber Sie benötigt? Ich hätte keine Scheu davor, mich als Neu-EUler zu outen. Sie profitieren doch vom positiven Vorurteil, dass Sie hungrig sind und alert und fleißig …

Zuzi: Der Arbeitgeber muss für mich bei der AfA (= Agentur für Arbeit) eine Arbeitsgenehmigung beantragen - es folgt dann eine Vorrangprüfung, bei geschickter Argumentation seitens Arbeitgeber wird sie dann sehr oft ausgestellt. Ich kann und darf da aber nichts machen, es geht also darum, den (potenziellen) Arbeitgeber zu überzeugen, dass ich den extra Aufwand wert bin.

Gerhard Winkler: Zuzi, wenn Sie ein(e) versierte(r) Fachfrau/-mann sind, ist der Arbeitgeber schnell überzeugt! Arbeiten Sie ihm zu und liefern Sie die Argumente,, die belegen, dass Sie unersetzlich sind.

Zuzi: Na ja, sagen wir mal so, ich bin eine versierte Quereinsteigerin ;-), was die Sache nicht unbedingt leichter macht.

Gerhard Winkler: Sie tragen zusammen, was für Sie spricht, basteln daraus ein Jobprofil, tragen es einem bundesrepublikanischen Jobanbieter vor und sagen: Dafür lohnt sich der Aha-Aufwand!

Zuzi, was wollen Sie als Leistungsanbieterin vortragen? Auf welchen Job läuft ihr Profil heraus?

Zuzi: Ich habe Internationale Beziehungen studiert und spreche 5 Sprachen fließend. Seit 1,5 Jahren bin ich Werkstudentin im Vertrieb und ich möchte in die Wirtschaft. Aber das ist ein (weiteres?) Problem, dass mir bis jetzt jede Tätigkeit sehr viel Spaß gemacht hat und ich noch nicht so richtig weiß, was genau ich tun möchte … auf jeden Fall muss es international sein.

Gerhard Winkler: Zuzi, Sie sind doch ein As. Das bisschen Aha-Verhandeln nimmt man für Sie gern in Kauf!

Zuzi: Danke :-) auch für Ihre Zeit und Antworten. Werde mich jetzt auf Ihrem Web noch schlauer machen.

Gerhard Winkler: Amusez-vous!

pina: Hallo Herr Winkler! Ich würde gerne wissen, wie das "perfekte" Anschreiben aussieht.

Gerhard Winkler: Das Anschreiben ist perfekt, wenn Sie sich selber in Ihrer ganzen Jobkompetenz drin sehen und wieder erkennen. Es ist also perfekt, wenn es ganz von Ihnen handelt.

pina: Ich finde es eigentlich sehr gut, aber meine Korrekturleser meinen, es klinge austauschbar, obwohl ich stets versuche, es genau auf die Stellenausschreibung und den Arbeitgeber auszurichten.

Gerhard Winkler: Liebe Pina, bei den ersten beiden Dritteln eines Anschreibens behalte ich die Stelle und den Anbieter nur im Hinterkopf. Ich konzentriere mich ganz darauf, den Bewerber klar und unmissverständlich zu konturieren: Was hat er geleistet? Wo hat er gebüffelt und geschafft? Was sind seine Themen? Wo hat er geglänzt? Was hat er drauf?

Martin: Hallo Herr Winkler, ich möchte mich für ein Duales Studium in Richtung BWL bewerben. Sie schreiben auf Ihrer Website, dass man das Anschreiben mit dem stärksten Argument, was man hat, einleitet. Nun weiß ich aber nicht, ob dies mein schon bestandener Realschulabschluss, das Abitur, das ich in Kürze bestehe oder mein Nebenjob ist, den ich schon seit 4 Jahren mache. Was meinen Sie?

Gerhard Winkler: "ausgezeichnete Lernleistungen in Mathematik, Wirtschaftskunde und Englisch sowie erste Praxiserfahrung in einem schulbegleitenden Job als Kassierer bei PLUSMINUS belegen meine Lern- und Leistungsbereitschaft. -- Manchmal ist es mehr ein Rundumschlag als ein Präsentieren des Arguments #1.

Martin: Was ist aber, wenn ich nur Schulenglisch spreche, damit kann ich ja nicht unbedingt angeben und im Bewerbungsgespräch möchte ich auch nicht, dass der Personaler groß nachbohrt. Soll ich es dann trotzdem ins Anschreiben bringen?

Gerhard Winkler: Jesses Martin, das war nur ein Beispiel. Erst mal klären, was den Ausbilder beeindrucken wird und dann mit den Pro-Argumenten spielen. Sehen Sie Ihre Fakten wie Spieler einer Fußballmannschaft und das Anschreiben wie ein Spielfeld. Wie bauen Sie das ganze auf?

Bonsai: Hallo auch. Ich habe 1999 - 2004 in USA gearbeitet, entsprechend habe ich keine Arbeitszeugnisse. Wie und wo baue ich passende bzw. akzeptable Referenzen in die Bewerbung ein?

Gerhard Winkler: Glaubwürdig werden die Jobangaben durch exakte Angabe von Position, Arbeitgeber plus Aufgaben-Deskription in Stichworten.

Das letzte Anschreibendrittel so beginnen: Tom Verlaine, Head of Compassion der No Symph Inc., Walnut Creek (CA), bestätigt Ihnen gern …

Bonsai: Habe ich alles, kein Problem. Wird das tatsächlich allgemein so akzeptiert?

Gerhard Winkler: Man kann doch in 3 Minuten eine Mail an eine US-Firma schreiben und nachfragen, hat da wirklich ein Entwickler namens Bonsai bei Ihnen 2003 das Web 2.0 erfunden? - Bei vielen Professionals kann man ja die Spuren ihrer (über)irdischen Leistungen im Web verfolgen. Nicht, dass man es unbedingt tut; es reicht meist, glaubwürdig zu sein.

caroline: Hallo Herr Winkler, ich möchte mich ebenfalls, wie der Martin, für ein Duales Studium bewerben. Zur Zeit arbeite ich. Wie soll man da am Besten im Anschreiben anfangen?

Gerhard Winkler: Vielleicht so: "in meiner augenblicklichen Position als Brötchenbäckerin bei Camp's leiste ich …" - einfach in der Hoffnung, dass man jemanden gut finden wird, der sich in jungen Jahren einen Job ergattert hat und jetzt loslegen will und mehr aus sich machen will …

BO: Guten Abend Herr Winkler. Wie erkläre ich bei einem Vorstellungsgespräch (ohne schlecht über meinen Arbeitgeber zu reden), dass dieser mich betriebsbedingt für zwei Monate entlassen hatte, auf 165 € beschäftigte und im Anschluss wieder fest angestellt hat?

Gerhard Winkler: Warum besteht da Erklärungsbedarf? Das ist ein typisches Beispiel, dass man durch Erklären von Job- und Lebensumständen von seinem eigentlichen Thema, der Jobeignung, wegkommt. Hüten Sie sich vor allem, was eine Verstehensanstrengung erfordert. Ich will tagsüber so wenig wie möglich verstehen, Sie wollen das nicht und ein Jobanbieter schon gar nicht. Dessen Verständniskapital war schon knapp nach seinem Jobantritt aufgebraucht.

Frau SoFa: Guten Abend Herr Winkler, zur Zeit habe ich keine Frage. Möchte aber nochmals Lob loswerden. Habe mit meinem neuen Anschreiben eine neue Stelle ab 01.05.07 gefunden, zwar nur einen Jahresvertrag, aber mit Option auf ein zweites. Danke für Ihre Tipps.

Gerhard Winkler: Merci für die Blumen. Sondieren Sie früh, wie die Aussichten auf Weiterbeschäftigung stehen und fangen Sie nicht zu spät an, sich nach einem Arbeitgeber zu suchen, der an stabilen Jobbeziehungen interessiert ist.

Frau SoFa: Was meinen Sie mit früh? Die Arbeitsbedingungen, die Bezahlung und die Kollegen sind richtig gut, abgesehen vom guten Firmennamen. Reichen 3 Monate vor Ende des Vertrags?

Gerhard Winkler: Vier Monate vor Ende fragen Sie Ihre Chefin und sondieren die Chancen auf eine Vertragsumwandlung. Je vager man Ihnen Hoffnungen macht, desto energischer suchen Sie. Nicht vergessen: Der Job ist befristet; Sie können JEDERZEIT vorher raus! Das ist NICHT illoyal.

tonifritte: Hallo Herr Winkler, den Rat den Sie Frau SoFa gegeben haben finde ich toll, woran erkennt man dass der Arbeitgeber Stabilität sucht.

Gerhard Winkler: Machen Sie nie nur Ihren Job in der Hoffnung, dass man Ihre Leistung schon honorieren wird. Es gibt Gelegenheiten, zum Beispiel, wenn einen die Chefin lobt, dass man MUTIG fragt: Sagen Sie, kann ich mir konkrete Hoffnungen machen, dass Sie mich fest einstellen oder muss ich wirklich zur Konkurrenz gehen?

Gerhard Winkler: Und Sie, Caroline, was ist Ihr derzeitiger Job?

caroline: Ich arbeite im Büro als Sales Manager. Ich möchte allerdings, da ich vor Kurzem erst meine Fachhochschulreife im Bereich Wirtschaft gemacht habe, gerne noch ein Duales Studium im Bereich Wirtschaft machen, um im Bereich Wirtschaft höher zu kommen.

Gerhard Winkler: Caroline, das ist doch in Ihrem Fall so einfach: Fangen Sie mit Ihren Erfolgen in Sales an und ziehen Sie so richtig vom Leder. SIE SELBST würden doch auch bevorzugt eine Person einstellen, die schon was vorzuweisen hat.

caroline: Ich arbeite seit kurzem aber erst im Sales Bereich. Da kann man noch von keinen großen Erfolgen berichten. Problem ist auch, dass es gerade ein Großhandel ist und ich aber in eine Produktionsfirma wechseln möchte.

Gerhard Winkler: Wenn man Sie in Sales einsetzt, dann haben Sie auch die Persönlichkeitsstruktur für Sales. Sales-Leute sind keine Weicheier. Auch bei geringer Joberfahrung mein Rat: Erst mal zusammentragen, was für Sie spricht!

caroline: Herr Winkler kann ich Ihnen mein Bewerbungsschreiben dann mal zukommen lassen und Sie sagen mir, was Sie davon halten?

Gerhard Winkler: Prinzipiell sehr gern; mein Problem ist, dass ich in diesen Tagen bereits überbucht bin. (Mitlesende Klienten: bitte nicht böse sein! Ich komme zu Ihnen!) - Schicken Sie es zu; meine Helferin Sigrun Laws wird es prüfen!

tonifritte: Hallo Herr Winkler, wie kann eine 51-jährige Frau, dazu aus dem Osten, jahrelang austauschbarer Sachbearbeiter, bei der Bewerbung noch punkten? Die gängigen Klischees verhindern vieles.

Gerhard Winkler: Tonifritte: Sie kommen aus dem Osten. Ich nuschle, weil ich aus der Boris-Becker-Ecke komme. Leute, die klischeehaft denken, werden von uns vielleicht positiv bedient. Aber wenn Sie sich adäquat kleiden, lächelnd, umgänglich und selbstbewusst auftreten und klar ansagen, was Sie tun und leisten wollen, dann haben Sie Ihren Part erfüllt. Wenn Sie energiegeladen und non-larmoyant auftreten, wird keiner es wagen, das Ossithema an Ihrem Fall aufzuwärmen. Ich arbeite ja in Berlin - dort zumindest hat sich doch das Ossithema erledigt.

tonifritte: Hallo Herr Winkler, vielen Dank für Ihre Antwort, ich denke ich bin auf dem richtigen Weg. Die Berliner sind tatsächlich bei diesem Thema schon eine Nasenlänge voraus.

Gerhard Winkler: Ob Osten oder Westen, wir versuchen alle, in der heutigen Jobwelt zu überleben. Die Arbeit ist in Leipzig nicht anders als in Essen und die Arbeitslosigkeit ist immer gleich schlimm.

BO: Ist für das Vorstellungsgespräch eine Bundfaltenhose mit Hemd oder etwa auch eine Jeans mit Hemd (beides sauber und ordentlich) empfehlenswert?

Gerhard Winkler: Duale Ausbildung? Nur Jackett, Stoffhose, Lederschuhe. Sie sitzen sonst im Assessment-Center und fühlen sich scheiße, scheiße, scheiße

Heidenfranz: Hallo Herr Winkler. Bedeutet 'vollständige Unterlagen' auch Angabe des Wunschgehalts?

Gerhard Winkler: Unterlagen sind Anschreiben, Lebenslauf, Bewerberbild, Nachweise, Zeugnisse … Referenzschreiben, Arbeitsproben (falls sinnvoll). Das Wunschgehalt ist eine Angabe, die Sie machen, wenn es der Arbeitgeber explizit erfahren will, wenn Sie Ihre Marktkenntnis beweisen wollen, wenn Sie Ihren Wert unterstreichen wollen, wenn Sie klar stellen wollen, dass man Ihnen nicht substantiell Geringeres anbieten darf.

Martin: Kann man sich ein Telefoninterview wie ein Bewerbungsgespräch vorstellen? Und sollte man die Antworten, die man im Telefoninterview gegeben hat, genauso im Bewerbungsgespräch wiederholen oder kann man differenzierter antworten? Weiterhin interessiert es mich, ob die Personaler die Antworten zwischen den Gesprächen abgleichen?

Gerhard Winkler: Das Telefoninterview fragt Fakten ab. Deshalb haben Sie Ihren Lebenslauf wirklich im Kopf (und auf dem Telefontisch). Personaler schreiben mit - Ihre Kernaussagen dürfen darum nicht differieren!

Gerhard Winkler: RUNDFRAGE AN ALLE MITLESENDEN: Sind meine Antworten konkret und nützlich? Bleiben wichtige Fragen offen?

worker: Hallo. Ich habe studiert, mehrere Praktika und auch Auslandserfahrung. Aber keine Berufserfahrung. Wie komme ich aus diesem Kreislauf raus? Vielen Dank.

Gerhard Winkler: Arbeiten Sie Ihre Erfahrung in den Praktika heraus. Schlüsseln Sie Ihre Auslandsaufenthalte auf. Notieren Sie Projekt-, Arbeitshighlights aus dem Studium.

Gerhard Winkler: Chats immer am ersten Dienstag im Monat! NächsterChat am 4. Dezember. Nächstes Tagestraining in Berlin am 24.11. Bewerber unter 20: Bei formyourself.de gibt es meine kostenlose 80-Seiten-Anleitung STELL DICH DEM CASTING! Bewerberheft für den Schnelleinstieg plus SMS-Tipps ab Januar.

Gerhard Winkler: Meine Klienten kommen in Jobs, das ist das beste Feedback. Danke für Ihre tolle Fragen. Das Chatprotokoll steht auch in meinem Blog. Schönen Abend alle miteinander!