Chatprotokoll vom 08.04.2008

Offener Chat mit dem Bewerbungshelfer

Mit Gerhard Winkler - Chatprotokoll vom 08.04.2008

Moderator: Willkommen beim formyourself.de Experten-Chat mit Gerhard Winkler.
Gerhard Winkler: Einen schönen Abend - auch im Namen des formyourself-Webteams! Sie können vermeiden, dass ich Sie mit Fragen löchere, indem Sie mir Ihre Probleme, Wünsche, Nöte schildern.
Gerhard Winkler: Hallo, Emil, was führt Sie zum Bewerbungshelfer?
Gerhard Winkler: Wir sind unter uns... schießen Sie los!
Emil: Hallo Herr Winkler, ich habe mich beworben und nach 6 Wochen noch nichts gehört. Soll ich anrufen? Und was sag ich?
Gerhard Winkler: Sechs Wochen ist ein bisschen spät, um anzurufen, aber warum zögern Sie? Das Motto des Selbstvermarkters: Lieber einmal vorschnell gehandelt als ewig zaudernd gezweifelt. Personaler sagen, man soll ihnen 4 Wochen Zeit geben. Vorher anrufen, das würde ich nur, wenn ich vorab angerufen, dann eine Initiativbewerbung verschickt hätte oder wenn es einen guten Grund gibt, um dem Jobanbieter zu sagen: Komm in die Gänge, sonst verlierst Du einen Top-Kandidaten.
Emil: Ich weiß nicht, was ich sagen soll, wenn ich eine Absage bekomme.
Gerhard Winkler: Angenommen, Sie rufen an und hören, die Stelle ist schon vergeben, was macht da ein absagenfester Jobjäger? - Sagen Sie doch in honigsüßen Worten, dass Sie dem Mitarbeiter und der Firma eine produktive Zusammenarbeit wünschen und dass Sie gern in vier Wochen noch einmal anrufen, nur für den Fall, dass man mit dem Neuen nicht so recht zufrieden ist oder dass er schon unter Mitnahme der Barkasse das Weite gesucht hat. (Sagen Sie es aber nicht mit diesen Worten.)
Gerhard Winkler: Hallo, Matt, hallo Lena, welche Fragen führen Sie heute zur Bewerberberatung?
Lena: Wie hefte ich meine Unterlagen zusammen, wenn der Stellenanbieter in der Anzeige verkündet, dass er die Unterlagen nicht wieder zurückschickt?
Gerhard Winkler: Dass man auch schon ankündigt, keine Unterlagen zurückzuschicken, ist billig, schäbig, unhöflich und selbstsüchtig. Möchte man sich bei einem Unternehmen bewerben, das bereits seine Bewerber so mies behandelt? Das kein eingespieltes und professionelles Personalmanagement hat? Kleinen Firmen fehlt’s an Leuten und an Geld, und nur weil sie sich nichts leisten können, glauben sie, sie können sich alles leisten... falls Sie sich doch bewerben wollen: Möglichst per Mail - die kostet (so gut wie) kein Porto. Und falls doch auf Papier: KEINE MAPPE! Spendieren Sie dem Jobanbieter eine Heftklammer und notieren Sie auf Ihrer Bewerbung:

Schon gut, Sie brauchen mir meine Unterlagen nicht zurückschicken.
Die Heftklammer mehrt Ihr Betriebsvermögen!
Das Papier würde ich aber dennoch nicht für den Ausdruck Ihrer Korrespondenz recyceln.
Ihre Briefempfänger würden sonst merken, dass Sie gute Leute übersehen.

Spaß beiseite: Dass man Papierpost nicht mehr als Eigentum des Bewerbers versteht, ist natürlich auch ein Zeichen für den Verfall der Geschäftsmoral. Noch mehr aber weist es darauf hin, dass papierlose Kommunikation Vorrang hat und dass man sich den Aufwand mit Bewerbermappen nicht mehr leisten will.
Lena: Und wie ist das, wenn ich mich per E-Mail bewerbe, soll ich dann meine Unterschrift einscannen für das Anschreiben? Brauch ich für den Lebenslauf eine Unterschrift?
Gerhard Winkler: Menschen mit Scanner scannen gern ihre handschriftliche Signatur ein und schmücken damit Ihre Briefe. Leute ohne Scanner finden das ein bisschen überzogen. Macht Ihre Unterschrift Eindruck? Sie bedienen in jedem Fall die Erwartung von Menscheneinstellern, die sich für graphologisch gebildet halten. Und wie werden diese Leute all Ihre Bögen, Kurven, Unterlinien und Zugrichtungen beurteilen? - Sie merken, wir geraten in das Reich der Spekulation. Unterschriftbildchen im Lebenslauf sind eine nette Spielerei. Pragmatisch denkende Rekrutierer reagieren wohl so: Wollen Sie spielen oder wollen Sie einen Job?
Gerhard Winkler: Lieber Herr Spirelli, Sie verrückte Nudel, guten Abend! Ich dachte, Sie hätten einen Job bei Barilla?
Spirelli: Mich quält die Frage, wie ich meine vielen kurzeitigen, durch die Wechselhaftigkeit der Wirtschaft verursachten Jobs im Lebenslauf darstellen soll. Personaler hassen doch Jobhopper!
Gerhard Winkler: Sie haben viele Jobstationen im Lebenslauf. Sie denken vielleicht, das ist wie Narben, die man sich zugezogen hat. Meistens hat die Trennung ja doch weh getan. Fürchten Sie, dass diese Narben Sie hässlich machen? Es sind AUSZEICHNUNGEN. Sie haben in der Ökonomie des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts überlebt!
Spirelli: Der Herr Spirelli ist eine Frau :-)
Gerhard Winkler: Oh, pardon! Ich kannte mal eine Frau Fussili, die war ganz schön verdreht.
Spirelli: Ich sehe das auch so, dennoch vermuten Personaler gern auch unstetes Verhalten der Person (statt der Wirtschaft ;-))
Gerhard Winkler: Wissen Sie, wenn Sie Ihre Jobstationen mit den alltäglichen Aufgaben, den besonderen Leistungen, den Triumphen und Erfolgen aufladen, dann bekommt jeder einzelne Job seinen Wert und die Gesamtheit Ihrer Tätigkeiten vermittelt: Sie haben viel gesehen, viel gelernt, viel gemacht und überall gute Arbeit geleistet!
Spirelli: Könnte man also formulieren, dass die umfangreiche Berufspraxis in der Tragik meines Lebenslaufes zu finden ist???
Gerhard Winkler: Schauen Sie, wenn Personaler fragen: Warum dieses promiskuöse Jobverhalten, Frau Spirelli, dann verweisen Sie auf das Gemeinsame der Arbeitgeber: Start-ups oder Branche in der Krise oder regional schlechter Jobmarkt oder... Sie brauchen sich nicht Station für Station zu rechtfertigen. Sagen Sie doch:

"Wissen Sie, von den fünf Firmen, in denen ich gearbeitet habe, gibt es drei nicht mehr. Aber mich gebt es noch, und ich habe Job für Job dazugelernt."
Matt: Hi, Herr Winkler, eine Standardfrage, die ja meistens in Bewerbungsgesprächen am Anfang gestellt wird ist: "Erzählen Sie mal etwas über sich!" Ich gebe meistens einen kurzen Abriss meines Lebens, Hobbys, warum ein duales Studium und besonders, warum die Firma. Ist das so okay? Nun bin ich am Überlegen, ob ich meine Stärken wie Teamfähigkeit, Zielstrebigkeit mit erwähnen sollte oder nicht, da ich Angst habe, der Personaler könnte mich auf meine Schwächen ansprechen oder darauf verärgert reagieren,"dass ich ihm die Fragen klaue". Kurz und Knapp: Was würden Sie auf die Frage antworten und war meine bisherige oben genannte Antwort okay?
Gerhard Winkler: Mann, Matt, die Frage ist zwar Standard, aber darauf nur kurz und oberflächlich zu antworten wäre ein FKK - Formidabler Kompetenz Killer.
Was Sie tun - Ihre Antwort geht in die richtige Richtung - ist, Ihre STORY vorzutragen. Das ist die spannende, kurze, knappe, lebendige, warum nicht in Teilen auch lustige und hoffentlich verzaubernde Geschichte Ihrer bisherigen Entwicklung in beruflicher Hinsicht. Es ist aus Bewerbersicht die TOP-Chance, seine eigene Agenda einzubringen! Fordern Sie dazu mein kostenloses Arbeitsblatt an unter gwinkler@jova-nova.com ; Betreff: Bitte kostenloses Arbeitsblatt BEWERBERSTORY schicken!
Und ebenfalls WICHTIG: JEDER PERSONALPROFI WIRD SIE IN JEDEM INTERVIEW AUF IHRE SCHWÄCHEN ANSPRECHEN! That's part of the game.
Matt: Danke für den Tipp. Ach so: Sie haben Post ;)). Falls es möglich wäre, könnten Sie mir die Unterlagen bitte gleich zuschicken, da ich morgen ein sehr wichtiges Gespräch habe. Danke ;))
Gerhard Winkler: Ja, die PDF gehen heute Abend noch raus! Viel Glück und viel Erfolg morgen im Gespräch!
Poppe: Hallo Gerhard Winkler, hier ist Helmut Poppe.
Gerhard Winkler: Hallo! Gruß nach Hessen! Helmut, machen Sie doch ein bisschen Werbung für Ihre Einrichtung! (Anmerkung der Redaktion: Helmut Poppe ist Leiter des Arbeitskreises eLearning?im Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V.)
Poppe: Öh, Werbung? Na ja, was ich allgemein empfehlen möchte, ist ein Videotraining. So was gibt´s mittlerweile glaube ich sogar auf youtube. Zum Vergleichen und Üben. Wenn da jemand Lust hat, kann ich Tipps geben: Selbstevaluierung, Sicherheit trainieren. (hp@helmut-poppe.de).
Gerhard Winkler: Ich möchte Helmut Poppe unterstützen: Gespräche simulieren, gemeinsam auswerten, das geht gut mit der Video-Cam! Und ich würde auch mein Bewerber-Statement auf Video aufnehmen! Haben Sie als Bewerber eine Botschaft? Was spricht für Sie? Sagen Sie's in 58 Sekunden!
Spirelli: Ich habe bei Ihnen heute den 10/10-Check in Auftrag gegeben. Teilen Sie nach Prüfung der Unterlagen mit, was aus Ihrer Sicht elementar falsch ist?
Gerhard Winkler: Auf einem mehrseitigen Formular. Für Ihren pekuniären Einsatz erhalten Sie nicht nur einen Mängelbericht, sondern auch noch Anweisungen, wie es genau zu ändern ist. Bitte lesen Sie sich zusätzlich auch ein bisschen auf formyourself.de und auf jova-nova.com ein!
Gerhard Winkler: Für alle, denen in Bälde ein Jobinterview bevorsteht, die Frage des Abends: Was findet Ihre beste Freundin/Ihr bester Freund an Ihnen besonders gut? Um spontane Antwort wird gebeten!
Spirelli: Anders als andere zu sein.
Gerhard Winkler: Was unterscheidet Sie zum Beispiel von anderen Bewerbern? Keine Angst, wir sind hier unter uns.
Noch einmal an alle die Frage, was findet Ihre beste Freundin/Ihr bester Freund an Ihnen besonders gut? Was antworten Sie, ohne lange Bedenkzeit? Was enge Freunde an einem schätzen, das soll auch der Vorgesetzte an Ihnen lieben: VERLÄSSLICHKEIT. LOYALITÄT. EHRLICHKEIT. BEREITSCHAFT, FÜR JEMANDEN DA ZU SEIN. Antworten Sie darum nicht, dass Sie ein lustiger Typ sind, mit dem man Pferde stehlen kann, außer, Sie wollen in Vertrieb und Außendienst.
Spirelli: Meine Freunde schätzen an mir meine offene und ehrliche Art.
Gerhard Winkler: Zur "offenen und ehrlichen Art": Unter uns Deutschen ist Offenheit doch ein Freibrief für nörgeln, stänkern, niedermachen. Deutsche sind insgesamt nicht sehr feinfühlig und aufmerksam. "Offen und ehrlich" ist eine sprachliche Verschönerung für "rücksichtslos". Ich übertreibe hier bewusst – aber, wenn Sie manche Mitmenschen sich anschauen, doch nicht all zu sehr. In einem Team muss man offen und ehrlich miteinander umgehen, einem Vorgesetzten gegenüber sind Verstocktheit und Unehrlichkeit ein guter Grund, Sie in das Projektteam zur Eliminierung von Papiernagetieren im Unternehmenskeller zu versetzen. Darum sagen Sie: Meine Freundin beschreibt mich als offen, gesprächsfähig und immer fair.
Gerhard Winkler: Hallo, CarstenP. Was haben Sie auf dem Bewerberherzen?
CarstenP: Hallo Gerhard Winkler, ich bin hier "nur zum Spicken" - als Kollege im Geiste quasi, der Sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit weiterempfiehlt
Gerhard Winkler: Lieber, Carsten, dann zapfe ich gleich Ihr Wissen an: Was ist Ihrer Ansicht nach der schlimmste Bewerbungsfehler von Leuten zwischen 15 und 25?
CarstenP: Der Schlimmste? Ignoranz und Desinteresse an den Bedürfnissen des Arbeitgebers.
Gerhard Winkler: Personaler fragen immer nach dem Warum-bei-uns?, weil Ignoranz und Desinteresse an der Organisation so häufig wie deprimierend sind.
Gerhard Winkler: Wir sind hier in der Dienstagsrunde der Anonymen Bewerber. Wer hat noch etwas auf dem Herzen?
Lena: Wie kann ich meine besondere Motivation im Anschreiben zeigen?
Gerhard Winkler: Motivation: für den Job an sich oder der Beweggrund dafür, ausgerechnet für diese eine Organisation werkeln und wursteln zu wollen?
Einige Regeln dafür, wie man seine Motivation kommuniziert:
1. LEISTUNGSBRINGER SIND AN SICH SCHON MOTIVIERT.
Sich deshalb wirklich so stark wie möglich aufbauen und aufstellen: Stets ganz konkret die Leistungen, Handlungen, Erfolge benennen! Die Motivation des Mitarbeiters fließt in die Ergebnisse seiner Arbeit. Darum im Anschreiben erst einmal sein Leistungsprofil aufbauen.
2. WENN SIE SELBST ENORM PROFITIEREN, PROFITIERT MAN AUCH VON IHRER MITARBEIT
Am Schluss des Anschreibens - erst im letzten Absatz - auf seinen Bewerbungsgrund eingehen. Profitiert man selbst in besonderem Maß, wenn man gerade in dieser Organisation einsteigt? - Notieren, weshalb! Ist WIRKLICH etwas Besonderes am Unternehmen? Hinschreiben!
3. NICHTS BETEUERN, NICHTS VERSICHERN - DAS MACHT DEN JOBANBIETER KICHERN
Was nicht funktioniert: Ich-Aussagen à la "ich bin hoch motiviert, bei Ihnen dies und das unter Beweis zu stellen." Was auch nicht gut ankommt: Billiges Lob des Unternehmens und reine Anbiederei: "Schon meine Mama ließ an ihre Haut nur Papa und Produkte von l´Oréal ran."
Gerhard Winkler: Sie können mich jederzeit per Mail (an gwinkler@jova-nova.com) um Rat fragen!
Und schon wieder haben wir unser Zeitbudget ausgeschöpft. Besten Dank für Ihr Mitschreiben, Mitlesen und Mitdenken! Diesen Chat ermöglicht hat die betriebsame BKK Gesundheit. Wer Leistung bringt und Leistung will, der wählt die BKK Gesundheit. Auch Ihr Bewerbungshelfer meint: Machen Sie Karriere und vergessen Sie darüber nicht Ihr Herz!
Unser unsichtbarer guter Geist ist Michael Gittinger von www.gittinger.de. Merci, Michael! Auch ein Bewerbungshelfer braucht manchmal Hilfe. Dieses Skript hat meine Assistentin Sigrun Laws getreulich für Sie redigiert. Unser Fachmann für Fangfragen: Rudi Ratlos. Juristischer Beistand: Ab’d Mahnu. Unser Informant in der Personalabteilung: G. Halt. Die Devise des Tages: Gemeinsam schlagen wir die Schema-F-Bewerber! Und wenn doch einmal ein Blender und Täuscher an Ihnen vorbeiziehen sollte - beim nächsten Tankstopp ist alles wieder offen.
Schönen Abend zusammen! halten Sie mich auf dem Laufenden! Ihr Gerhard Winkler