Chatprotokoll vom 08.07.2008

Offener Chat mit dem Bewerbungshelfer

Mit Gerhard Winkler - Chatprotokoll vom 08.07.2008

Moderator: Willkommen beim formyourself.de Experten-Chat mit Gerhard Winkler.

Gerhard Winkler
Gerhard Winkler

Gerhard Winkler: Guten Abend! Sie sind glücklich eingeloggt im Bewerberchat mit Gerhard Winkler. Danke an das Team von formyourself.de und an die BKK Gesundheit für den Chatraum und die Chatgelegenheit! Wir sind ganz unter uns als anonyme Jobfinder. Nutzen Sie die Zeit und Gelegenheit für Fragen, Erkundigungen, Anmerkungen, Erfahrungsaustausch...
Meine Frage an Sie: Welche Firma oder Organisation hat Sie mit Ihrem Bewerberservices (Jobinfos, Online-Bewerbungsformulare, Ansprechpartner) am meisten überzeugt?
Oder stehen Sie der Bewerbung über Online-Formulare kritisch gegenüber?
Natürlich können Sie jederzeit Ihre eigenen Fragen einbringen!
Hi, Matthias, Ricarda, Piet und Sue! An welchem schönen Ort in Deutschland steht Ihr PC?

Ricarda: In Köln! Guten Abend! Ich bin ehrlich gesagt manchmal etwas von den Bewerberassistenten genervt! Eine wirkliche Erleichterung sehe ich nicht in ihnen.

Gerhard Winkler: Köln hat sicher einen attraktiven Jobmarkt. Bewerberassistenten sind die Online-Hilfestellungen zu den einzelnen Eingabefeldern?

Piet: Mir gefällt Apple: http://www.apple.com/jobs/de/

Gerhard Winkler: Hoffentlich gefallen Sie Apple! Und geben Sie es mir durch, wenn Sie drin sind!

Sue: Überzeugt haben Roche und Baiersdorf bis jetzt. Aber auch das Innenministerium, BKA haben da einiges auf den Weg gebracht, was die Online-Bewerbung angeht.

Gerhard Winkler: Sue, sind Ihre Online-Bewerbungen gut angekommen? Haben Sie rasch ein Feedback erhalten?

chris: Hallo Herr Winkler und alle Jobchatter. Folgende Situation: im Vorstellungsgespräch wird nach den Schwächen des Bewerbers gefragt. Welche Schwächen werden akzeptiert - in Kauf genommen, sind sozusagen unverfänglich etc.?

Gerhard Winkler: In München antwortete eine Kursteilnehmerin gerade pfiffig: Meine einzige wirkliche Schwäche ist meine Sehschwäche. Aber variieren Sie die Antwort bitte nicht mit "Blasen-", "Lese-/Rechtschreib-" und ähnlichem...

Ricarda: Herr Winkler, ich habe eine Frage zu meiner Bewerbungsmappe: Muss bzw. soll ich mein Abiturzeugnis meiner Bewerbung beilegen? Meine schlechte Note von 3,1 halte ich in Gegensatz zu meiner Diplomnote ehrlich gesagt zu schlecht. Mein Diplomzeugnis erhalte ich erst im September. Kann ich mich vorab ohne Diplomzeugnis bewerben, wenn ich im Anschreiben einen Hinweis auf unverzügliches Nachreichen mache?

Gerhard Winkler: Personaler erwarten Abi-Zeugnisse von Absolventen und grillen die Jobkandidaten gern mit Aufforderungen wie: "Erklären Sie Ihre schlechten Physikleistungen in der 13. Klasse." - Ich würde das Zeugnis beilegen, außer ich wäre ein wirklich starker und attraktiver Absolvent mit überdurchschnittlich guten Leistungen. I

Piet2: Eventuell schon bekannt: "Meine Schwäche sind Süßigkeiten".

Gerhard Winkler: Ist von mir. Ehrlich. ANDERS ANTWORTEN, SMARTBOOKS 2003

chris: OK, dann folgt erstmal ein Lacher, und dann?

Gerhard Winkler: Jobanbieter wollen wissen, ob Sie sich selbst realistisch einschätzen, ob Sie Kritik vertragen, ob Sie entwicklungsfähig sind und ob man noch mehr an Infos über Sie herausquetschen kann. Andererseits wollen Sie selber NUR GUTES von sich sagen. Das ist ein Dilemma, wie man es löst, hängt davon ab, wie sehr man es sich leisten kann, solche Fragen abzubügeln.

Piet2: Ich habe das leider von einem Ihrer Konkurrenten gehört, bei einem Radiointerview. Mal was anderes zur Chat-Software: Der Absendebutton ist leider nur per Versuch-und-Irrtum zu finden und es gibt auch keine Rückmeldung, dass der eigene Chat-Beitrag erfolgreich abgeschickt wurde. Vielleicht kann die BKK ja mal einen Programmierer das verbessern lassen?

Gerhard Winkler: Der Administrator liest mit! Die Anregung erreicht ihn sicher. Piet, zu der Radioshow des Bewerbungsberaters und zu den Fragen nach den Schwächen: Die meisten Leute sind nicht sehr schlagfertig, wenn es ums Antworten auf knifflige Fragen geht. Dank des Web werden Ideen, Antworten, Einfälle rege gehandelt. Im konkreten Schlagabtausch des Interviews ist es zudem schwer, fix das Angemessene zu finden, man möchte ja auch nicht überziehen.

Kristina: Hallo Herr Winkler, ich habe im Januar mein Studium beendet, seitdem habe ich nur ein paar kleine (Design-)Auftragsarbeiten, eigentlich nicht weiter nennenswert. Kann ich da im Lebenslauf schreiben "freiberufliche Mitarbeiterin" und ist die Angabe der Firmen notwendig?

Gerhard Winkler: freiberufliche Designerin, WOHNORT (neue Zeile, O,5 cm eingerückt:) AUFGABEN, LEISTUNGEN, ERFOLGE Darunter: Auftraggeber (Ort) - Motto: Ihre Jobs maximal mit Bedeutung aufladen!
Muster:
freiberufliche Designerin, Wohnort
AUFGABEN, LEISTUNGEN, ERFOLGE
Auftraggeber:

Piet2: Wenn aber die freiberufliche Phase so viele Auftraggeber hatte, dass sie den Rahmen sprengen? Was dann?

Gerhard Winkler: Das ist doch gut für Sie! Entweder gesonderte Projektübersicht oder Verweis auf Homepage mit Referenzen oder "Auftraggeber (Auswahl)" notieren...

chris: Ich habe gelesen, dass Sie auch im Ausland gearbeitet haben. Können Sie auch bei englischen Bewerbungen weiterhelfen?

Gerhard Winkler: Ich übersetze nicht selbst, aber ich überwache die Qualität von Übersetzungen. Die Bewerbungen optimiere ich vorher auf Deutsch.

Sue: Ich warte noch auf mein Arbeitszeugnis und bewerbe mich trotzdem. Ist das OK, wenn man im Anschreiben anmerkt, dass man die Beurteilung nachreicht?

Gerhard Winkler: Keine Außenverweise im Anschreiben! Nicht darauf eingehen und das Zeugnis nachreichen, wenn die Bewerbung noch offen ist. Das Arbeitszeugnis (auch wenn es noch aussteht) DARF KEINE NEUEN INFORMATIONEN einführen. Sie sagen es jetzt, was Ihr Profil so besonders auszeichnet.

Sue: Nein, eher nicht, die Bearbeitungen zogen sich so sechs bis acht Wochen hin. OK, außer direkte Absagen, da war man schnell. Es dauerte nur eine Woche!

Gerhard Winkler: Sue, es ist nicht schlimm, wenn Sie kein aktuelles Zwischenzeugnis oder sofern Sie ausgeschieden sind, das Arbeitszeugnis noch nicht beilegen. Sie sollten sich dennoch darum kümmern, dass man Ihnen Ihr Zeugnis baldmöglichst ausstellt.

Ricarda: Herr Winkler, welche Bewerbungsform, Post oder Online, soll ich bevorzugen, wenn das Unternehmen beides zur Auswahl stellt?

Gerhard Winkler: Per Mail. Online-Formulare sind Datenbank-Eingabemasken - Sie haben null Chancen, eine Präsentation zu gestalten.

Kristina: Ist es richtig das man sich bei Bewerbungen speziell in den USA eigentlich selber sehr "in den Himmel loben" soll, weil das da so üblich ist? Und wie macht man das eigentlich mit den Zeugnissen - übersetzen lassen und mitschicken oder erst auf Anfrage ?

Gerhard Winkler: Ich verbringe in meinen Trainings sehr viel Zeit, um Kursteilnehmern beizubringen: In der schriftlichen Präsentation kein Selbstlob (auch wenn Sie sich in die USA verändern wollen). Keine Ich-Aussagen! Keine selber vorgenommene Ableitung aus den Handlungen und Aktivitäten! Lassen Sie die Leistungsdaten sprechen!

chris: Oh interessant. Was sind denn die gravierenden Unterschiede englischer im Gegensatz zu deutschen Bewerbungen?

Gerhard Winkler: Im US-Resume fehlen ein paar persönliche Angaben und das Porträt (Foto). Seltsamerweise sind die Cover Letter genau so förmlich, inhaltsleer und jenseits jedes Verständnisses der Textsorte wie in Deutschland. Meine Anschreiben funktionieren bestens in der englischen Übersetzung, weil man international immer MACHER oder MITMACHER sucht und in den Bewerbungen à la Winkler nichts als wirkliche, nachprüfbare, messbare, vergleichbare Job- und Lern-Leistungen notiert sind.

Kristina: Okay, das ist gut zu wissen, ich hab es bisher nur so gelesen gehabt, dass man in den USA sich selbst sehr loben soll, ich empfand das eh schon immer als komisch. Danke, das hilft mir sehr.

Gerhard Winkler: Schriftliche Bewerbung: sich nie selber loben! Ego-Statements Referenzpersonen in den Mund legen oder sie höchstens am Ende des Anschreibens als eine Art Resümee ziehen. Im Gespräch dürfen, sollen und werden Sie sich NUR GUT über sich äußern!

Ricarda: Herr Winkler, soll ich in meinem Anschreiben angeben, wenn ich z. B. nach meinem Abschluss noch einen Intensivsprachkurs im Anschluss plane?

Gerhard Winkler: Ich würde im Lebenslauf auf keinen Fall in die Zukunft gerichtete Aussagen machen. Notieren Sie es vielleicht im Anschreiben (wenn es denn ein triftiges Argument ist): gehen Sie Gespräch darauf ein. Für alles, was Sie als Bewerber zu sagen und mitzuteilen haben, gibt es einen richtigen Ort, eine passende Zeit und einen geeigneten Adressaten.

Dominik: Guten Abend Herr Winkler. Ich komme jetzt in die 13. Klasse und bin zur Zeit auf der Suche nach Ausbildungsstellen im dualen System als Eventmanager. Jedoch finde ich keine Angebote zur Ausbildung, sondern nur Suchanfragen nach bereits ausgebildeten Eventmanagern. Ich habe bereits Seiten wie eventmanager.de oder berufenet.de durchsucht. Kennen Sie noch andere Seiten, die Jobangebote haben?

Gerhard Winkler: Dominik, gehen Sie zu crosswater-systems.com und schauen Sie sich die dort aufgelisteten Jobbörsen an (es sind alle, die es gibt) oder fordern Sie von mir per Mail die kommentierte Linkliste von Werner Brendli (Hochschulteam der A-Agentur München) an und vor allem: Bewerben Sie sich bei den Unternehmen und Agenturen, die Eventmanager suchen! UNBEDINGT! Die verstehen was von der Sache, haben schon Eventmanager und freuen sich, wenn einer kommt, der bei ihnen lernen und die Projektleiter unterstützen will!

Piet2: Danke, meine Fragen sind beantwortet. Leider noch mal was zur Chat-Software: Es ist schade, dass die Chat-Software die Reihenfolge ändert und außerdem uns so wenig Feedback gibt. Eventuell wäre es daher sinnvoll, die Absendezeiten der Fragen und Antworten mit aufzulisten, damit wir besser die korrekte Reihenfolge erkennen können? Ich traue mich gar nicht, meine Ideen auf Bewerber-Fragen abzuschicken, weil ich damit Ihren Antworten in die Quere komme.

Gerhard Winkler: Piet, wir freuen uns alle über jeden Ihrer Kommentare und Geistesblitze! Reihen Sie sich ans Ende ein und vermerken Sie: Noch mal zu...

chris: ich glaube Kristina hatte da noch was offen: Und wie macht man das eigentlich mit den Zeugnissen - übersetzen lassen und mitschicken oder erst auf Anfrage?

Gerhard Winkler: Ich würde eine Bewerbung ohne Zeugnisse abschicken - die halten uns ansonsten für seltsame Bürokraten. Geben Sie Referenzpersonen an!

chris: Was glauben Sie ist der Grund, aus dem Bewerbungen am häufigsten scheitern?

Gerhard Winkler: Bewerber macht sich unsichtbar. Aus Textbausteinen, Floskeln, abgeschriebenen Wendungen, Beteuerungen und gutem Willen ergibt sich kein klares und definiertes Profil. Eignung wird sprachlich vermittelt. Wenn man wirklich tauglich ist und scheitert, liegt es an der Sprache, am Informationsdesign, an der Adressierung oder an unglücklichen Zufällen.

Sue: Leider gibt es immer mehr Unternehmen, wo man sich nur noch online bewerben kann. Ist meine Erfahrung, hat sich gravierend geändert in den letzten Jahren! Wie gut sind Internet -Netzwerke als Alternative? Hat da jemand Erfahrungen, ob die halten, was sie versprechen?

Gerhard Winkler: Feedback von Münchner und Regensburger Absolventen, von anderen Kursteilnehmern und von Lesern meiner Site und Klienten: Online-Communities sind oft heiße Jobmärkte!

Piet2: zu Sues Frage zu Internet -Netzwerken: Ich bekomme bei XING immer wieder Anfragen. Nicht wirklich das, was ich machen will, aber man hält sich die Kontakte warm, denn man weiß ja nie ;-)

Gerhard Winkler: Ich halte mich sonst mit Empfehlungen zurück, die Bewerbern Geld kosten, aber XING ist sinnvoll, wenn Sie in Ihrer Profession, in Ihrer Sparte, für Ihre Spezialgebiete andere Mitglieder finden. Der Fliesenleger ist dort vielleicht einsam. Die Marketingfrau findet Ansprechpartner und Anregungen ohne Ende.

Ricarda:  Herr Winkler, in Online-Bewerbungsassistenten taucht häufig die Frage auf, weshalb man sich bei dem Unternehmen bewirbt und weshalb man der/die Richtige für den Job ist. Ich finde es sehr schwierig, darauf eine Antwort zu finden, ohne dass man sich und das Unternehmen als das Beste und Tollste darstellt. Was wollen Personaler auf diese Fragen eigentlich hören?

Gerhard Winkler: Warum gerade bei uns? Wenn es keinen wirklich triftigen Grund gibt - der massive persönliche Vorteil ist einer! - dann würde ich kurz auf das verweisen, was das Unternehmen (seiner Ansicht nach) besonders auszeichnet. WARUM DIE RICHTIGE? - Hier noch mal seine Hauptargumente vorbringen. Es macht nichts aus, wenn man seine Angaben doppelt und dreifach macht! Politiker und Werber wiederholen sich auch, wenn sie einem etwas vermitteln wollen.

Dominik: Dann interessiert es mich noch, ob es so etwas wie einen Zeitrahmen für die Bewerbungen gibt. Ich weiß wohl, dass einige Firmen eine Bewerbungsfrist haben, andere jedoch nicht. Ist es hier sinnvoll so früh wie möglich zu warten oder eher so spät wie möglich, damit man das aktuellste Zeugnis beilegen kann?

Gerhard Winkler: Antworten Sie innerhalb von 14 Tagen. Ich würde nach 3, 4 Tagen antworten. Beste Zeit zum Abschicken ist nicht Samstag. Warten Sie bis zur Wochenmitte.

chris: Was sind die wichtigsten 5 Unterschiede zwischen dem Lebenslauf und dem Arbeitszeugnis?

Gerhard Winkler: Der Lebenslauf ist eine Präsentation. Er fungiert als Faktenblatt zur raschen Informationsauswertung. Er behandelt den gesamten Werdegang von der letzten allgemeinbildenden Schule bis heute. Er ist monatsgenau, vollständig und bei maximaler Informationsdichte so lakonisch wie möglich. Nur Hauptwörter. Das Arbeitszeugnis ist nicht Teil Ihrer Präsentation. Es ist nur ein Beleg (von mehreren), dass Ihre Leistungsschau korrekt ist.

chris: Wenn man einen bestimmten kaufmännischen Beruf erlernt hat und nun in eine andere kaufmännische Schiene gehen will - diese kann aus irgendeiner Richtung bestehen, die man noch nicht kennt: wo sucht man dann am besten im Internet?

Gerhard Winkler: In Jobbörsen wie jobanova.de, über "unscharfes" Suchen schauen, was für Kaufleute alles angeboten wird.

Sue:  Macht man das neuerdings auch in der Wirtschaft? Ist doch nur ein USA Phänomen, oder?

Gerhard Winkler: Sue, worauf spielen Sie an? Auf Online-Communities? das Bedürfnis nach Austausch ist universell.

Ricarda: Vielen Dank für Ihre Auskünfte! Ihre 100 besten Anschreiben sind übrigens toll!

Gerhard Winkler: Ricarda, ich hoffe, es kommt nicht heraus, dass wir uns abgesprochen haben. Nicht vergessen: Auf formyourself.de kommen rund 50 Karrieretipps speziell für Studierende und Absolventen! Nachlesen, wenn Ihnen Ihre Karriere lieb ist!
Ihnen allen besten Dank fürs Mitmachen. Schicken Sie mir eine Mail und ich bedanke mich mit einem PDF zur Bewerberstory! Schönen Abend allerseits!