Mit Gerhard Winkler - Chatprotokoll vom 11.03.2008
Moderator: Willkommen beim formyourself.de Experten-Chat mit Gerhard Winkler.

Henderson: Guten Abend, Herr Winkler: Mein letzter Arbeitgeber hat mir in der Probezeit gekündigt. Ich vermute, weil ich 10 Tage krank war. Ist aber nicht so schlimm, weil weder Arbeitsumfeld noch die Jobaufgaben so waren, wie sie mir im Vorstellungsgespräch dargestellt wurden. Bei zukünftigen Vorstellungsgesprächen wird man mich sicherlich auf das Thema ansprechen. Ist das mit dem "Arbeitsumfeld und den Jobaufgaben" eine gute Antwort?
Gerhard Winkler: Wenn man Sie in der Probezeit gekündigt hat, sollten Sie unbedingt erfragen, warum genau. Was war mit der Auszeit wegen der Erkrankung verbunden?
Henderson: Ich muss noch mal auf meine Eingangsfrage zurückkommen. Mir wurde wegen der Krankheit in der Probezeit gekündigt. Soll ich das auch so im Vorstellungsgespräch sagen? Ich finde, Arbeitsumfeld und Jobaufgaben ehrlich gesagt besser.
Gerhard Winkler: Kündigung in der Probezeit ist immer schwer vermittelbar. 10 Tage Krankschreibung machen Arbeitgeber wie Jobanbieter sicher nachdenklich. Es gilt für Sie, ausgehend von der nackten Wahrheit eine überzeugende Begründung für den plötzlichen Exit zu geben...
Henderson: Sollten Schlagworte (z. B. Flexibilität, Belastbarkeit, usw.) aus der Stellenanzeige immer in der Bewerbung vorkommen?
Gerhard Winkler: Nie, nie, nie. - Wozu denn auch? Liefern Sie Schlag auf Schlag Leistungsdaten!
muesli-fan_76: Guten Abend Herr Winkler, ab wann kann man Praktika oder Soziales Engagement weglassen?
Gerhard Winkler: Nach dem ersten richtigen Job, spätestens nach dem zweiten, werfen Sie die Praktika raus. Soziales Engagement, falls aktuell, immer im Lebenslauf auflisten!
Henderson: "Sie haben eine abgeschlossene Ausbildung als Verwaltungsfachangestellte/r mindestens mit der Note "gut" abgeschlossen". Ist das mit der Note kein Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz?
Gerhard Winkler: Nein, ich denke nicht. Die Gleichheit erstreckt sich nicht bis auf die Leistungsfähigkeit.
muesli-fan_76: Was klingt besser, Bürokaufmann, Bürohilfskraft oder kaufmännischer Angestellter, oder Sachbearbeiter für allgemeine Bürotätigkeiten?
Gerhard Winkler: Kommt drauf an, was Sie vorhaben. Verwaltungsfachmann mit kaufmännischem Hintergrund wäre noch eine Variante.
muesli-fan_76: Wie können Berufsanfänger dem Chef beibringen, dass sie klare Arbeitsanweisungen brauchen, was sie machen müssen und wie sie die Arbeit richtig angehen und zu erledigen haben? Man kann ja nicht sagen, dass man keine Ahnung hat!
Gerhard Winkler: Von Anfang an mit offenen Karten spielen: "Geben Sie mir bitte klare Anweisungen, verzweifeln Sie nicht, wenn ich in der ersten Woche öfter nachfrage...".
H2: Guten Abend, Herr Winkler. Ich habe heute ein Vorstellungsgespräch absolviert. Dabei wurde mir vom Gesprächspartner seine Visitenkarte überreicht. Sollte ich mich jetzt, per Mail, für das informative Gespräch bedanken oder ist dies eher nicht üblich?
Gerhard Winkler: Aber ja! Vorstellungsgespräche verlassen Sie mit der bzw. den Visitenkarte(n) in der Tasche. Sie brauchen sie, weil Sie wirklich innerhalb von 8 - 16 - spätestens 24 Stunden per Mail Ihren Dank und Ihr fortgesetztes Interesse ausdrücken.
rita: Guten Abend, ist "Angestellte/r" auch eine Berufsbezeichnung?
Gerhard Winkler: Das ist seit über 100 Jahren eine respektierliche Berufsbezeichnung, die aber nichts aussagt, außer, dass Sie mehr mit dem Kopf arbeiten und dabei an einem Schreibtisch sitzen. Sind Sie Angestellte? Was stellen Sie an?
muesli-fan_76: hallo Herr Winkler, hatten Sie schon Erfolg bei der Durchsicht meiner Arbeitszeugnisse?
Gerhard Winkler: Bin durch Umzug leider im Verzug - bin von einem Problemviertel Berlins ins andere gezogen.
muesli-fan_76: OK, kein Problem, meine E-Mail haben Sie ja für alle Fälle! Wenn man eine längere Auszeit hatte aus gesundheitlichen Gründen, welche Formulierung nimmt man da, oder wenn man für 2 Jahre ins Ausland (USA) geht und dort keine Arbeit findet, wie schreibt man das?
Gerhard Winkler: Markieren Sie die Auszeit als "stellensuchend."
rita: Ich trau mich einfach nicht, mich am Telefon zu "verkaufen". Sind die Chancen dann ungleich schlechter?
Gerhard Winkler: Wovor haben Sie Angst? Dass Sie anrufen und schnöde abgewiesen werden? Was mögen Sie am Telefon nicht tun?
rita: ich mag am Telefon nicht über mich sprechen. für andere könnte ich das aber schon tun.
piri-piri: Denken Sie, dass ich schon am Hörer wegen meines Akzents draußen bleibe?
Gerhard Winkler: Der Punkt ist doch, dass Sie aus Bulgarien kommen und sich hier im Studium durchgesetzt haben. Das haben Sie durch Energie, Intelligenz und unerschütterliche Sturheit geschafft. Greifen Sie zum Hörer und legen Sie los! Wer weiß, ob Ihr Akzent nicht Ihren besonderen Charme ausmacht?
Sie rufen an und stellen sich kurz vor. Dabei ist es gut, wenn Sie Ihre Kernkompetenz, also das, was Sie beruflich auszeichnet und interessant macht, an den Anfang stellen.
rita: Sind meine Chancen nun geringer, wenn ich mich nicht zuerst telefonisch an die Firma wende, sondern gleich per Mail oder per Post mein Schreiben schicke?
Gerhard Winkler: Kommt auf den Job an, kommt drauf an, ob es beim Telefongespräch schon ein bisschen funkt. Vorteile des Telefonats: Man kann gleich abklären, ob man eine Chance hat, man kann seine Hauptbotschaft schon mal anbringen, man kann unter Umständen weiterführende Infos abschöpfen.
Gerhard Winkler: Ich habe eine Aufgabe für Sie: Bitte notieren Sie in 2, 3 Sätzen, wer Sie sind!
Gerhard Winkler: Als Leiter einer gemeinnützigen Bildungseinrichtung habe ich die Abteilung Fremdsprachen mitgegründet und aufgebaut. Zu meinen Erfolgen zählt die Etablierung unseres Sprachenangebots auf dem regionalen Firmen- und Privatkundenmarkt... so hätte ich mich vor 15 Jahren vorgestellt.
rita: und heute? heute nicht mehr so?
Gerhard Winkler: Na, heute bin ich Bewerbungshelfer...
rita: Bewerbungshelfer hört sich an wie Bewährungshelfer ;-) Ich meinte: würden Sie den Text auch heute noch so verwenden?
Gerhard Winkler: Als Bewerbungsberater erreiche ich über eine eigene Web Site sowie über meine Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen interessierte Ausbildungs- und Jobsuchende zwischen 15 und 65. Meine Site jova-nova.com erzielt monatliche PI von bis zu 500T. etc. - Sie sind aber dran...
rita: Soll ich es jetzt notieren?
Gerhard Winkler: Versuchen Sie es! Beispiel siehe weiter oben. Sie können es alle probieren...
rita: Ich bewerbe mich als Angestellte - Quatsch, oder? - als Mitarbeiterin in Ihrem Betrieb, oder?
Gerhard Winkler: Wenn Angestellte Ihr aktueller Jobtitel ist, dann ist das zu wenig aussagefähig für das Anschreiben. Versuchen Sie, so präzis wie möglich zu erfassen, was Sie machen wollen. Idealerweise in einem Wort oder in einem Kompositum: Verwaltungsfachkraft, kaufmännische Sachbearbeiterin.
muesli-fan_76: Ich bin Bürokaufmann mit 1 Jahr Berufspraxis. Genau der richtige Mitarbeiter für Sie und Problemlöser!
Gerhard Winkler: Als Bürokaufmann habe ich in praktischen Einsätzen für A, B, C administrative und organisatorische Erfahrung gewonnen. Vor allem habe ich...
Gerhard Winkler: Noch ein Teaser-Text für die telefonische Kontaktaufnahme: "Guten Tag! Mein Name ist Josef Eiermann. Meine Laufbahn vom Key Account Manager zum Vertriebs- und Verkaufsleiter habe ich bei mittelständischen Unternehmen absolviert. Ich bin mit dem deutschen sowie den internationalen Märkten vertraut und habe Erfahrung in der Führung und Entwicklung von Vertriebsteams, im Aufbau von Händlernetzen, im strategischen und operativen Marketing sowie in Analyse und Auswertung".
rita: Als Mitarbeiterin in einer...-Institution bin ich zuständig für... und leite dabei auch ein kleines Team für...
Gerhard Winkler: Als Referatsleiterin der Bunten Truppe e.V. in Pirmasens führe ich 3 Mitarbeiterinnen. - Immer so konkret wie möglich! Wie geht es weiter?
rita: Wie geht's weiter? Gute Frage! Vielleicht so? Im Laufe der letzen 10 Jahre konnte ich besonders in den Bereichen X und Y Erfahrung gewinnen, die ich nun gerne in Ihrer Einrichtung umsetzen und weiterentwickeln möchte.
Gerhard Winkler: VIEL ZU ABGEHOBEN. DIES GILT AUCH FÜR ALLE ANDEREN CHATTEILNEHMER.
Ob schriftliche Präsentation oder mündlicher Vortrag: Wenn es um Sie selber geht, um Ihre Leistungen und Erfolge, Ihre Arbeit, Ihre Lebensstationen, um die Förderer und Ausbilder: IMMER SO KONKRET WIE MÖGLICH. Und hüten Sie sich vor Babybewerber-Talk à la "die ich nun gerne in Ihrer Einrichtung umsetzen und weiterentwickeln möchte". Bewerben ist eine Leistungsschau, keine Wahlveranstaltung der südhessischen SPD.
Gerhard Winkler: aktuelle PC Kenntnisse: Einfach unter KENNTNISSE UND FÄHIGKEITEN vermerken. PC-Anwendungen braucht man nicht unbedingt im Kurs erlernen.
Regen: Hallo Herr Winkler, mein letztes Zeugnis ist einige Jahre alt und da mein Arbeitgeber nicht wissen soll, dass ich auf Jobsuche bin, kann ich ihn jetzt nur schwer nach einem aktuellen Zeugnis fragen. Jetzt möchte ich mich bewerben. Soll ich das mit dem fehlenden Zeugnis für die letzten 5 Jahre irgendwie kommentieren?
Gerhard Winkler: Sie könnten Ihren Arbeitgeber um ein Zwischenzeugnis bitten - er ist dazu verpflichtet und es gibt immer wieder triftige Gründe, sich eins ausstellen zu lassen: Vorgesetztenwechsel, Wechsel der Aufgaben... Allerdings sieht man Ihnen an der Nase an, dass Sie in Wechselstimmung sind. Bewerben Sie sich doch unbesorgt und fröhlich ohne aktuelles Arbeitszeugnis. Das schmälert nicht Ihre Glaubwürdigkeit. Sie notieren ja in Anschreiben UND im Lebenslauf, was Sie in Ihrem aktuellen Job alles machen, erledigen, bewirken, leisten, erreichen...
Für einen Klienten habe ich gestern getextet: "Proteinkinasen, insbesondere die Proteinkinase C sowie die Proteinphosphorylierung sind meine wissenschaftlichen Schwerpunkte. Meine besondere Befähigung habe ich in meinem Diplomstudium der Biochemie und Molekularbiologie an der Universität Ostrach und in meiner Promotion am Tropeninstitut Saulgau durch sehr gute Leistungen nachgewiesen. Vor allem habe ich mich bereits durch eine Reihe von Veröffentlichungen und durch Poster-Präsentationen ausgezeichnet."
rita: Ist wohl der Zusatz in einem Anschreiben "bitte vertraulich, da ich ungekündigt bin" zuverlässig?
Gerhard Winkler: "Ich bewerbe mich aus ungekündigter Position und bitte um vertrauliche Behandlung meiner Daten."
Martin: Hallo Herr Winkler, ich habe mich für duales Studium zum Bachelor of Arts (BA) Betriebswirtschaft entschieden und natürlich auch beworben. Da es leider keine Ausbildungsplätze in dieser Fachrichtung in meiner Region gibt, müsste ich für so einen dualen Studienplatz ca. 250 km umziehen, was für mich auch kein Problem ist. Doch wie kann ich diese Bereitschaft einem Personalchef am besten verdeutlichen, da dieser immer geneigter ist, einen Bewerber aus der Region zu wählen?
Gerhard Winkler: Ich sehe da kein Problem, dem Personalchef ist es ziemlich egal, ob Sie sich am Ausbildungsort eine Bude nehmen müssen. Der wird einen Bewerber vom Ort nur vorziehen, wenn der besser ist als Sie. Ich würde das gar nicht zum Thema machen. Falls doch jemand was sagt, dann sagen Sie nur, dass Sie schon auf dem Wohnungsmarkt umgesehen und ein Zimmer in Aussicht haben.
Regen: Wenn ich im Lebenslauf mehr als stichwortartige Inhaltsangaben zu meinen Projekten mache, dann wird mein Lebenslauf aber schnell länger als 2 Seiten (bei 10 Jahren Berufserfahrung). Ist das noch vertretbar?
Gerhard Winkler: Separates Projektblatt oder Projekte als Auswahl kennzeichnen und vielleicht nur Titel sowie Auftraggeber notieren. Länger als drei Seiten sollte der Lebenslauf nicht werden.
muesli-fan_76: Wie kann man seine persönlichen Daten am besten im Anschreiben platzieren? Gibt es da klare Vorgaben oder ist man in der Gestaltung frei?
Gerhard Winkler: Persönliche Daten als Adressdaten? Oder Aussagen über persönliche Umstände?
muesli-fan_76: Markus Meier, Marsstr. 189, 67xx Berlin oder Müller Klaus, xx Str. 23, 89967 Berlin oder anders?
Gerhard Winkler: Titel Vorname Nachname, Straße, PLZ Ort, Fon, Mail
muesli-fan_76: Nebeneinander oder untereinander oder Gestaltung frei wählbar?
Gerhard Winkler: Der Briefkopf ist frei wählbar, aber ich würde meine Daten immer als konventionellen Adressblock anordnen.
Gerhard Winkler: OK, ich bedanke mich für Ihre interessanten Fragen und Hinweise. Mailen Sie mir direkt, wenn Sie weitere Fragen haben!
piri-piri: Letzte Woche habe ich von einer Firma eine E-Mail bekommen, dass meine Bewerbungsunterlagen bearbeitet werden müssen. Bis heute habe ich aber keine Nachricht gekriegt. Meinen Sie, dass ich bei dieser Firma anrufen soll oder ist es besser, wenn ich auf eine Antwort warte? Bis jetzt wurden meine E-Mails immer sehr schnell beantwortet.
Gerhard Winkler: Rufen Sie an und fragen Sie höflich und nett nach dem Stand der Dinge. Nutzen Sie die Gelegenheit, um etwas Positives über sich zu sagen.
Gerhard Winkler: Falls Sie den Chat nachlesen, studieren Sie die Beispiele für die Ich-Aussage zu Beginn eines Telefongesprächs.
Gerhard Winkler: OK, ich muss zurück zu meinen Bewerbungsoptimierungen. Ihnen allen wünsche ich attraktive Jobangebote, begeisterte Personaler und mehr Jobzusagen, als man in einem einzigen Arbeitsleben annehmen kann! Schönen Abend!