Mit Gerhard Winkler - Chatprotokoll vom 11.9.2007
Moderator: Willkommen beim formyourself.de Experten-Chat mit Gerhard Winkler. Um 19:00 geht es los!
Gerhard Winkler: Hallo, ich freue mich über jede Frage und jeden Hinweis von Ihnen! Wir sind unter uns, die Wortmeldungen sind anonymisiert - Sie können sich ohne Furcht vor Sanktionen outen.
Gerhard Winkler: Wie immer kommt meine Frage des Abends zuerst: Welche Fragen stellen Sie im Jobinterview, wenn man Sie fragt, ob Sie noch Fragen haben? Oder schütteln Sie den Kopf und stellen fest, dass alle Fragen beantwortet worden sind ...
ChronischUnzufriedene: Ich bin als Lebensmittelchemikerin in der Pharmaindustrie gelandet. Möchte zurück in meine alte Branche ... kann ich einfach kündigen und in Ruhe etwas Neue ssuchen?
Gerhard Winkler: Hallo, ChronischKarrieresüchtige. Auf keinen Fall unüberlegt kündigen. Sie verlassen aus freien Stücken eine starke Position und geben wertvolle Pro-Argumente aus der Hand. STELLENSUCHEND ist jedesmal ein hässlicher Fleck im Lebenslauf.
F_Berg: Hallo
Gerhard Winkler: Hallo, F-übermBerg! Wo stehen Sie gerade auf Ihrem Karriereweg?
ChronischUnzufriedene: Kann man sich durch die falsche Branchenwahl selbst ins Jobabseits schieben??
Gerhard Winkler: Lebensmittel und Pharma sind doch nicht so weit voneinander entfernt. Nährstoffe, Wirkstoffe ... da gibt es bei der Produktion bis zur Vermarktung doch Dinge, die man übertragen kann.
Anja: Hallo Herr Winkler, ich lese seit ein paar Wochen auf Ihrer Seite die Beiträge. Mein Freund (freiberuflich) sucht eine Stelle, hat sich schon mehrfach erfolglos beworben. Die Bewerbung ist zu schwach. Was bringt mehr: eine Optimierung oder der Workshop in Berlin?
Gerhard Winkler: Liebe Anja, wenn Ihr Freund massive Probleme hat, in eigenen Worten lesbare Sätze zu produzieren, erspart er sich einiges an Quälerei, wenn ich ihm die Unterlagen neu texte.
Das Tagestraining ist gut, wenn man sich noch gar nicht richtig aufgestellt hat, wenn einem das Konzept der schriftlichen Präsentation nicht klar ist, wenn man wenig Erfahrung mit Auswahlprozeduren hat, wenn man fürchtet, dass man noch zu wenig Proargumente hat, um zu überzeugen.
Anja: Vielen Dank für die Antwort! Jetzt sehe ich schon klarer. Und noch eine Frage: Er hat sich vor kurzem in einer großen Firma beworben über ein Onlineformular. Die Stelle ist jetzt 5 Wochen später wieder im Netz, obwohl er eine nichtssagende Absage erhalten hat. Was ist, wenn er einfach mit 44 zu alt für die Stellen ist? Dann nützt die ganze Optimiererei nichts, wenn per Knopfdruck alle Bewerber über 40 "aussortiert" werden, oder?? Soll er sich da gleich nochmal bewerben??
Gerhard Winkler: Immer dann, wenn man fürchtet, von vorne herein aussortiert zu werden: VORAB ANRUFEN. Erst schriftlich bewerben, wenn man sich der wohlwollenden Prüfung versichert hat.
grit: Das heißt, ich lege gleich beim Vorabtelefonat mit "Ich bin genau der Richtige für den Job" los?
Gerhard Winkler: Igitt.
Gerhard Winkler: Ein Teaser-Text funktioniert so: „Guten Tag! Mein Name ist Winkler, ich bin Bewerbungshelfer, schreibe auf einer eigenen Web Site mit rund 500T Seitenzugriffen im Monat und versorge jährlich 300 bis 400 Jobsuchende. Sie suchen einen Experten zur Optimierung Ihrer Unterlagen. Klingt mein Profil für Sie interessant?“
grit: Gut, ich dachte schon, das MUSS man machen!!
Gerhard Winkler: Dieser Satz aus dem heutigen Chat soll noch lange in Ihnen nachwirken: "Tragen Sie nur echte Fakten vor. In der rechten Reihenfolge. Und die lassen Sie wirken. Jobanbieter fängt man nur mit Fakten."
F_Berg: Ich habe keinen Job. Eigentlich bin ich Politologe. Nach mehreren Kursen und Webseiten, die ich für Vereine erstellt habe, plane ich jetzt, mich selbstständig zu machen, und zwar im Bereich E-Commerce
Gerhard Winkler: Haben Sie schon Kundenkontakte? Was wollen Sie vertreiben? Was anbieten?
F_Berg: Es geht bei meiner Idee über eine Community mit bewerteten Inhalten
Gerhard Winkler: Wer zahlt? Wofür? Wo ist Ihr Markt? - Falls Sie eine Idee oder gar ein Konzept haben: BRAVO! Man kann gar nicht zu sehr ermutigen, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen!
F_Berg: Die Einnahmen sollen durch Werbung (Anzeigen) und Förderungen zustande kommen. Ich kenne eine Reihe von Leuten von der Uni her und an diesem Bereich interessierte Studierende. Ich weiß natürlich, dass es schwierig ist, mit Werbung im Internet Geld zu verdienen, denke aber, dass ich viele Leute mobilisieren könnte. Eine der wichtigsten Fragen ist wohl mental, dass der Entschluss zur Selbstständigkeit zustande kam, weil ich keinen "guten" Job gefunden habe. Das geht wohl auch vielen so, die sich auf Stellen bewerben: Man beginnt, an sich selbst zu zweifeln.
Gerhard Winkler: Das Internet nährt Leute wie Sie und mich … Kommunikation, Information, Interaktion: UNSERGLEICHEN macht es möglich. Nur Mut! - Sie können nicht verlieren, auch ein geschäftlicher Flop bringt Sie weiter!
F_Berg: Kompliment übrigens zu Ihrem Buch "Anders bewerben". Es bietet einen größeren Leseanreiz als die meisten Bücher in diesem Genre. Das Buch, das mich bewegt hat, jetzt ernsthaft ein Konzept für eine Selbstständigkeit vorzubereiten, ist "Creating You and Co" von William Bridges.
Gerhard Winkler: Danke für das Kompliment und vor allem für den Buchtipp - ich schaue mir das heute Abend noch in amazon.com an!
BB: Hallo Herr Winkler, welche eigenen Schwächen kann man im Jobinterview unbedenklich äußern?
Gerhard Winkler: Meiner Ansicht nach keine … aber die Jobanbieter schlucken alles, was man ihnen anbietet ... ich würde allenfalls etwas angeben, was NICHTS mit meiner Jobkompetenz zu tun hat. "Ich kann nicht rechnen und verstehe nicht mal den Dreisatz." - Wenn ich das im Tagestraining sage, ist das sowohl echte Schwäche als pralle Koketterie.
grit: Hallo, geht es in Jobinterview mehr um Selbstvermarktung als um Ehrlichkeit? Sind also kleine Lügen erlaubt?
Gerhard Winkler: Es gibt viele überzeugende Gründe, nicht zu lügen. Die meisten Lügner sind bloß zu faul, der Wahrheit den richtigen Dreh zu geben.
grit: Ich habe das Gerücht gehört, dass manche Großkonzerne eine Art Schwarze Liste führen. Eine abgelehnte Bewerbung und der Name des Bewerbers ist sozusagen "Gesperrt". Ist das nur ein Gerücht, oder haben Sie davon auch schon gehört?
Gerhard Winkler: Schwarze Listen sind zu viel Aufwand. Man wird ausgefiltert, weil die Schlüsselwörter fehlen.
grit: Was genau verstehen Sie unter Schlüsselwörtern?
Gerhard Winkler: Nicht die weichen Faktoren (persönliche Stärken); harte Fakten: Jobtitel, Aufgaben, Zuständigkeiten, Erfolge, Leistungen, Wissen und Können, Lernleistungen, Abschlüsse ...
Matthias: Hallo zusammen. Vielen Dank, Herr Winkler, für die rasche E-Mail-Antwort von heute! Kurz zusammengefasst: Ich muss von einem früheren Arbeitgeber ein Zeugnis erbitten, da nur eine einfache Arbeitsbestätigung vorliegt und diese zu Nachfragen in meiner Bewerbersituation führt. Nun wollte ich mich um die Zeugnis-Erfragung drücken, da als Schlussformel "...in gegenseitigem Einvernehmen..." dort stehen müsste. Ich dachte mir, die 9 Monate in dem Job einfach unter den Tisch fallen zu lassen. Kein Job-Vermerk, kein Zeugnis, kein "gegenseitiges Einvernehmen", keine Fragen danach. Ich werde aber nun doch den Abteilungsleiter anrufen und ihn um ein Zeugnis bitten. Eine Vorlage habe ich -zuvorkommend wie ich bin- bereits vorformuliert.
Gerhard Winkler: Wie hätten Sie die 9 Monate kaschiert?
Matthias: Nun, in erster Linie wären die stellenlosen Wochen vor den neun Monaten mit den stellenlosen Wochen nach den neun Monaten verschmolzen. Oder wäre der Terminus "ohne feste Anstellung ... 02.2003 - 11.2003 Projekt "Datenneuordnung" Firma Heizungsbau Meier GmbH" eine Alternative für meinen Lebenslauf (falls zum Beispiel der alte Arbeitgeber kein Zeugnis ausstellen will)?
Gerhard Winkler: Matthias, wenn Sie auch nur ansatzweise daran denken, Ihren Jobeintrag zu streichen, komme ich via WLAN zu Ihnen und tobe herum. Ihr Lebenslauf braucht Zeiten der Beschäftigung wie ein anämischer Kranker Eisen braucht!
Bono: Hallo, Herr Winkler, ich war fast ein Jahr lang stellensuchend. Während dieser Zeit habe ich mich weitergebildet und eine Angehörige gepflegt. Soll ich das im Lebenslauf erwähnen? Zum Beispiel so: selbstinitiierte Weiterbildung Office Anwendungen und Pflege eines Angehörigen
Gerhard Winkler: selbstinitiierte Weiterbildung - das ist ein bisschen wenig. Warum nicht in 2 Zeilen auflisten, was man gelernt hat? "Makro-Programmierung, Serienbriefe, Statistiken ..."
Bono: Macht es überhaupt noch Sinn, nach dem Grund einer Absage zu fragen? Durch das Antidiskriminierungsgesetz ist es für Jobsuchende unwahrscheinlich geworden, ein ehrliches Feedback zu bekommen.
Gerhard Winkler: Ein ehrliches Feedback hat man kaum je bekommen ... außer man hatte die Inspiration, am Telefon die richtigen Fragen zu stellen.
Anja: Na ja, ob der Personalverantwortliche zugibt, dass über 40-jährige keine Chance haben?? Nach dem neuen Gleichstellungsgesetz darf er das gar nicht, schließlich hat Arbeit (als Grafiker) nichts mit dem Alter zu tun, da gäbe es keine schlüssige Begründung dafür.
Gerhard Winkler: Jesses, 44 ist doch kein Alter. Ich mag es nicht, wenn Bewerber MEINES Alters ausgepowert, energielos und resigniert in die Fotolinse schauen und Umständlichkeiten über Umständlichkeiten in der schriftlichen Bewerbung auftürmen. Das Geheimnis ist nicht, auf jung zu machen. Das Geheimnis ist Freude am Leben und Freude am Job!
Matthias: Aber ganz unrecht hat Anja nicht. Ich höre ebenfalls immer wieder in meinem Freundeskreis "Matthias, Du musst was machen, sonst fährt der Zug ohne Dich ab." Bin seit diesem Jahr ebenfalls mit einer "4" vorne dran und versuche dies geflissentlich zu ignorieren, um nicht ins Jammern zu verfallen.
Gerhard Winkler: Außer mir haben einige Bekannte und Freunde mit Mitte Vierzig die Karrierelokomotive unter Dampf gesetzt. Die Vierzigjährigen von heute sind jünger als die Dreißigjährigen zu meiner Zeit.
F_Berg: Ein etwas größeres Eingabefeld in diesem Chat wäre eine tolle Sache, um auch Platz für große Gedanken zu haben. :)
Gerhard Winkler: Große Geister tanzen auch auf Nadelspitzen.
Was sind Ihre eigenen Fragen im Jobinterview? Was würden Sie fragen? Das war meine Chat-Eingangsfrage.
grit: Die Frage nach den Aufstiegschancen?
Gerhard Winkler: Die hängt sehr vom Job ab und von den Intentionen, die der Jobanbieter damit verbindet. Vielleicht sollen Sie nur Ihre Arbeit gut machen & ewig auf der Stelle verharren. Man entwickelt am besten ein feines Gehör und interpretiert die Ausführungen im Interview ad hoc/on the fly.
Anja: Ihr Rat war: Vorher anrufen, wenn man befürchtet, vorher aussortiert zu werden, aber es ist doch keine ehrliche Antwort zu erwarten (siehe Bono) in Bezug auf Absagen und sicher auch in Bezug auf das Alter, davon gehe ich aus. Ansonsten gefällt mir Ihr Stil hier supergut, muss immer mal laut lachen und in zwei Jahren bin ich (39) mit dem Studium fertig, mal sehen, ob ich Sie da auch noch brauche oder schon so viel von Ihnen gelesen habe, dass ich das Prinzip verstanden habe! Danke!
Gerhard Winkler: Anja, Sie rufen doch an, um sich ATTRAKTIV UND BEGEHRENSWERT zu machen und nicht, um bange Fragen zu stellen. Zuerst macht man sich interessant und erst dann, wenn der Jobanbieter die Vorzüge erkannt hat, geht man auf die Kniffligkeiten ein.
Bono: Wenn eine Firma zwei unterschiedliche Jobs ausschreibt, die ich beide machen könnte: auf beide separat bewerben?
Gerhard Winkler: Nur auf eine - und die andere mit keiner Silbe erwähnen. BEWERBEN HEISST, SICH FESTLEGEN.
Matthias: Zu den (Gegen-)Fragen im Jobinterview: Vorausgesetzt, die Stellenbeschreibung ist komplett und verständlich, die Situation der Firma ist klar, in welche Richtung sollte so eine Nachfrage gehen? Details, wie "Wann können Sie mir Bescheid geben?" Ich persönlich habe in meinen bisherigen Jobinterviews, soweit ich mich erinnere, keine Fragen mehr gehabt (und hab doch die Stellen damals bekommen). Subjektiv-einschleimend fragen: "Ich hoffe, ich konnte Sie von mir überzeugen?" scheint mir nicht geeignet. Andere Vorschläge aus der Runde?
Gerhard Winkler: Ich würde schon während des gesamten Interviews Fragen stellen und am Ende eine Frage aufwerfen, die dem Jobanbieter zu denken gibt.
BB: Mich würde bei einem Jobangebot interessieren, ob es eine Einarbeitungszeit/Einweisung gibt. Kann ich das fragen?
Gerhard Winkler: Nicht OB es eine gibt, sondern: "Wie verläuft die Einarbeitung? Wer führt mich in die Produkte ein? Kann ich am Anfang zu den Kunden mit?"
Liebe Chat-Teilnehmer: Es war ein sehr anregendes Gespräch heute Abend! Danke für Ihre Beiträge! Sie dürfen mir gern mailen: gwinkler@jova-nova.com