Chatprotokoll vom 15.01.2008

Offener Chat mit dem Bewerbungshelfer

Mit Gerhard Winkler - Chatprotokoll vom 15.01.2008

Moderator: Willkommen beim formyourself.de Experten-Chat mit Gerhard Winkler.

Gerhard Winkler
Gerhard Winkler

Gerhard Winkler: Hallo! Willkommen zum Vorabend-Chat für alle Freunde der raschen Jobfindung und karriereorientierten Selbstvermarktung! Eine Frage aus meinen Tagesmails habe ich mitgebracht: "Wie verkaufe bzw. belege ich eine Phase der Selbstständigkeit während meines Studiums?" Natürlich dürfen Sie diese Leser-Frage beiseite schieben, um Ihre eigenen Punkte anzusprechen!

Gerhard Winkler: Kurz zu noch eine Anmerkung: Selbständigkeit, Freiberuflichkeit, Geschäftsgründung als Student zählt zu den persönlichkeitsstärkenden, beglückenden, wichtigen Schlüsselerfahrungen. Davon zehrt man insbesondere, wenn man die erste feste Anstellung nach dem Studium ansteuert. Immer im Lebenslauf und Anschreiben deutlich akzentuieren! Genau angeben, was man geleistet hat!

Bono: Guten Abend, Herr Winkler: Muss man bei einer E-Mail-Bewerbung explizit darauf hinweisen, dass man auf Wunsch auch gerne seine komplette Bewerbungsmappe versendet? Zum Beispiel mit dem Satz: "Meine komplette Bewerbungsmappe sende ich Ihnen auf Wunsch gerne zu."

Gerhard Winkler: Eine gute Bewerbung ist immer komplett. Sie erweckt nicht den Wunsch nach mehr Dokumenten, sondern nach mehr Kontakt! Deshalb würde ich eher einen Satz an Nachweisen und Belegen als PDF bündeln und an die Mailbewerbung dranhängen. Schauen Sie: "Meine komplette Bewerbungsmappe sende ich Ihnen auf Wunsch gerne zu" - das signalisiert doch: 1. Ich habe nicht alles vorgebracht, was für mich spricht. 2. Ich mache Ihnen gern noch mehr Arbeit.

Wolfgang: Hallo Herr Winkler: Ich greife die vorstehende Frage von Bono auf: wie verhält es sich bei einer Initiativbewerbung mit den Zeugnissen? Auch im ersten Anlauf mitschicken oder auf "Nachreichung auf Wunsch" verweisen?

Gerhard Winkler: Die Initiativbewerbung eines Absolventen oder Ausbildungsplatzsuchenden unterscheidet sich von der eines berufserfahrenen Jobwechslers. Einsteiger schicken immer alles mit, auch bei Initiativbewerbungen. Grund: Die Einstiegsjobs sind oft von der Stange und die Rekrutierungsprozeduren sind einheitlich. Sich auch die Schulleistungen von Bewerbern anzuschauen, die insgesamt noch nicht so viele relevante Daten liefern, gehört zum regulären Auswertungsprozess.

Wolfgang: In meinem Fall handelt es sich um den "berufserfahrenen Jobwechsler", der aber sein vergilbtes Abi-Zeugnis noch gefunden hat.

Gerhard Winkler: Lieber Wolfgang, im Abi-Zeugnis stehen doch bestenfalls Informationen, die einen weiteren Werdegang als in sich schlüssig markieren. Beispiel: Mathe 5, Deutsch 1, spätere Karriere als Bewerbungstexter.

Wolfgang: Verstecken muss ich mein Abi-Zeugnis sicher nicht, auch beinhaltet es kein eklatantes Notenungleichgewicht, das einen Werdegang plausibel erscheinen ließe. Aber ist es deshalb nach 10-jähriger Berufserfahrung schon überflüssig in der Zeugnismappe?

Gerhard Winkler: Was halten Sie denn von der fachlichen Kompetenz eines Personalers, der Ihr Abizeugnis verlangt? Möchten Sie denn in einer Firma von Leuten arbeiten, die offensichtlich nicht erkennen, dass die Grenzen der Erkenntnis sich mit denen der Zumutbarkeit decken? An Ihren Leistungen, nicht an Ihren schulleistungen soll man Sie messen! Das einzige verlässlich positive Signal, das die schulischen Daten geben können ist: ELITESCHULE. - Definitiv als Berufserfahrener kein Abi-Zeugnis beilegen!

Wolfgang: OK, das war eine klare Ansage, die ich in Ihren Ratgebern überlesen hatte. Bitte sehen Sie es mir nach, wenn Sie in der Alles-in-einem-pdf-Anlage, die ich Ihnen in der Beauftragungsmail für ein Screening geschickt hatte, das Abiturzeugnis erblicken. Ich werde es hier bei mir sofort dem Datenshredder zuführen.

Gerhard Winkler: Na, ich fürchte, die Info steht in keinem Buch von mir bzw. erst im nächsten. Ich bin allerdings Ihr Bewerbungshelfer, ich schaue tiefer in Ihre Seele als (fast) jeder Personaler. Ich nehme mir Zeit, um Ihre GESTALT und Ihre BESTIMMUNG und Ihren WEG auszumessen. Fragen Sie mich nicht, wie ich das mache, aber legen Sie mir auch Ihr Abizeugnis bei.
Outplacement für ein Unternehmen: dafür gibt es Spezialisten. Ich maile Ihnen einen guten Outplacement-Profi. Wenn es um Sie selbst geht, dann beauftragen Sie mich!

Bono: Leider kommt es immer häufiger vor, dass Unternehmen die Bewerbungsunterlagen nicht zurücksenden. (Bewerbung aufgrund einer Stellenanzeige!) Gibt es einen Rechtsanspruch auf Rücksendung der Unterlagen?

Gerhard Winkler: Bei einer Antwort auf eine Offerte gehören Lebenslauf, Nachweise und die Mappe selbst dem Bewerber. Das Anschreiben verbleibt stets beim Empfänger.
Bewerbungsunterlagen, die beim Adressaten verschwinden: Die beste Strategie ist, so viele Bewerbungen wie möglich als Mail zu versenden. Unternehmen quittieren oft nicht mehr den Bewerbungseingang. Ältere Leute werden jetzt sagen, dass dies früher anders war. Und falls Unternehmen doch freundlich reagieren, haben sie ein exzellentes Personalmanagement.

Bono: Was ist eine gute Antwort auf die Frage: Was unterscheidet Sie von Ihren Mitbewerbern?

Gerhard Winkler: "Von den meisten anderen Kandidaten" der Umstand, dass Sie mich eingeladen haben und von den Eingeladenen sicher der, dass ich schon... geleistet, erreicht, bewirkt, gemacht habe.
(Falls die anderen das auch mitbringen:) "Na ja, aber dafür bin ich netter."
Auf die Frage, was einen unterscheidet, immer erst einmal oder noch einmal oder gar zum dritten Mal zusammenfassen, was man alles mitbringt!

Romy: Hallo Herr Winkler! Wann und wie bringe ich im Vorstellungsgespräch meinen Wunsch nach einer Teilzeitbeschäftigung ein?

Gerhard Winkler: Wenn Sie das erst im Interview vorbringen, wird man Sie nicht unbedingt spontan hassen, aber Sie werden einen plötzlichen Temperatursturz fühlen.
Den Wunsch nach einer 50%- oder 75%-Stelle würde ich vor meiner schriftlichen Bewerbung bei einem telefonischen Sondierungsgespräch stellen.

Romy: Ich hoffe, ich werde noch eine Frage los: Wie reagiere ich höflich auf private Fragen, zum Beispiel nach Kindern? Danke.

Gerhard Winkler: Wer heute als Jobanbieter nach Kindern fragt, ist einfach nur zurückgeblieben. Es ist ein Signal, dass der Gesprächspartner dämlicher ist, als im Rekrutierungsgeschäft üblich. Sagen Sie: "Mein Partner und ich sind DINKs - Double Income, no Kids" und lächeln Sie dazu. (Aber überlegen Sie es sich gut, ob Sie für solche Falschfrager überhaupt arbeiten wollen.)

Matthias: Guten Abend Herr Winkler, ein Hallo an alle Mitleser. Ich habe eine Frage zum Thema Lebenslauf und den Lücken darin. Da ich eine ziemlich große Lücke "ohne Anstellung" bei mir im CV zur Zeit habe, habe ich den Lebenslauf nach Ihren Vorgaben (jova-nova.com Kapitel "Bewusste Auszeit") umgestellt. PERSÖNLICHE DATEN - ANGESTREBTE TÄTIGKEIT - KENNTNISSE & FÄHIGKEITEN - AUSBILDUNG - WEITERBILDUNG und dann erst BERUFLICHE PRAXIS, ENGAGEMENT (als Abschluss) Auch habe ich drei Auslands-Reisen unter dem Punkt "seit 12.2003 ohne feste Anstellung" untergebracht, damit die Monate und Jahre nicht so mager und leer aussehen. Unentgeltliche und nebenberufliche Tätigkeiten (auf meinem Arbeitsgebiet) habe ich ebenfalls angegeben (als Signal, dass ich zur Zeit zwar keine feste Anstellung habe, aber nicht aus dem Beruf bin). Beispiel: seit 09.2005 redaktionelle Mitarbeit und Übersetzungen an einer Internetseite, seit 12.2003 selbstständige Tätigkeit im IT-Support und Beratung und dann eben die 3 Reisen als "Planung, Durchführung, Nachbearbeitung Auslandsaufenthalt" etc. aufgeführt. Diese drei Reisen wollen mir im Lebenslauf unter "Berufliche Tätigkeiten" nicht ganz gefallen. Denkt ein Personaler dann nicht gleich etwas Negatives ("aha, reiselustig ist er ja"). Wenn ich die drei Reisen herausnehme, füllen die Jahre nur ein Seminar und zwei nichtkommerzielle Tätigkeiten (besorgter Personaler-Gedanke: "Mein Gott, was hat er denn die ganze Zeit gemacht?!"). Was raten Sie mir? -Reisen als Lückenfüller im Lebenslauf einbauen oder weglassen?

Gerhard Winkler: Ich würde ausprobieren, die Reisen unter WEITERBILDUNG einzustellen. ohne feste Anstellung kann man als freiberuflicher Journalist und Übersetzer oder so deklarieren. Was denken Sie alle? Wir sind 15 Chatter heute Abend.

Wolfgang: Ich denke, es kommt darauf an, ob die Reiseziele mehr in Richtung Lust- oder Bildungsreise gehen. Denn spätestens im Vorstellungsgespräch wird doch genauer nachgebohrt. Malta: Sprachreise; Jamaica: wird schon schwieriger.

Gerhard Winkler: "Intensivkurs Business English, First Rastafari English Language School, Kingston (Jamaica)"
Relevanz der Auslandsreisen: 1. längerer Sprachurlaub, 2. monatelange, individuelle Reise durchs Land oder über Kontinente, möglichst mit Kurzzeitjobs im Land. Keine Reisen kürzer als vier Wochen, keine Pauschalreisen angeben!
Eine 6monatige Reise durch Australien und Neuseeland nach dem Studium ist OK für Techniker, Naturwissenschaftler, Informatiker, Geisteswissenschaftler (aber die fürchten zu sehr die Krokodile). Stirnrunzeln produzieren Sie als BWLer oder Jurist - die springen aus dem Vorlesungssaal direkt dorthin, wo das Geld ist. Personaler haben es im Gefühl, was das Mainstreamverhalten von berufstypischen Vertretern anbelangt.

Matthias: USA, Skandinavien und Spanien hätte ich anzubieten. Was mich zur nächsten Frage bringt: Wie weise ich selbstständige nichtkommerzielle Arbeiten (in meinem Fall IT-Support und Beratung plus die Übersetzungen und Texte für eine Internetseite) in meinen Unterlagen nach?

Gerhard Winkler: USA, Skandinavien und Spanien: Reisen sind bis auf Spezialbewerber für Spezialjobs wirklich nur gut, um Lücken abzudecken. Projekte, Aufgaben, Leistungen, Erfolge, AUFTRAGGEBER genau auflisten! - Dazu legen kann man Referenzschreiben. Im Anschreiben angeben kann man Referenzpersonen. Auch Mini-Jobs in einer langen Durststrecke der So-tun-als-ob-Selbständigkeit werten den Lebenslauf auf.

iva224: Guten Abend, Herr Winkler, haben Sie auch Lust und Raum für Trainertipps? Wie würden Sie vorgehen bei einem notorisch negativen Arbeitssuchenden beim Gruppentraining?

Gerhard Winkler: Einzelgespräch. Klar machen, dass man sich ernsthaft um ihn bemüht. Wenn er das Plenum stört, erst einmal mit Einzelarbeitsauftrag in den Nachbarraum stecken. Die Arbeitsfähigkeit des Teams hat Vorrang vor den Befindlichkeitssignalen Einzelner. Vor der Gruppe nicht mit dem Störer diskutieren oder ihn gegen die Gruppe ausspielen. Er ist frei zu gehen. Sagen Sie ihm, wenn er sich über Sie beschweren möchte, dann im Zeiergespräch mit Ihnen oder er soll sich direkt an Ihren Vorgesetzten wenden. Über die Relevanz dessen, was Sie tun, diskutieren Sie NICHT, währenddem der Kurs es tut.

jojo: Guten Abend in die Runde, mal was anderes: Wie glauben Sie, kann man Arbeitskundelehrer, mit denen ich in einem Projekt zusammenarbeiten werde, überzeugen, dass sie nicht mehr auf der Höhe der Zeit sind - zumal sie es ja tendenziell, bzw. von Berufs wegen besser wissen. Mal ein dezenter Hinweis auf Ihre Seiten?

Gerhard Winkler: Nein, die Arbeitskundelehrer bringen seit Jahren ihre Schüler in Interviews, sowie in Ausbildungen und Praktika. Ich würde vorsichtig Lebensläufe und Anschreiben einbringen, die Sie aus jova-nova.com oder formyourselfgenommen oder nach den Prinzipien des einfachen Bewerbens selbst aufgebaut haben. Es gibt bei formyourself die kostenlose 80-Seiten-Anleitung STELL DICH DEM CASTING. Für 1,99 gibt es FEDERLEICHT BEWERBEN, das sich besonders gut für Gruppentrainings eignet, weil ich es aus meinem Kursreader für Schüler entwickelt habe.

Romy: O.k. Dann würde ich gern noch wissen, wie ich darauf reagiere, wenn ich merke, ich kann auf eine fachliche Frage nicht ausreichend antworten.

Gerhard Winkler: "Ich bin in meiner bisherigen Praxis damit noch nicht konfrontiert gewesen, aber ich würde zunächst einmal ..." (die Meinung der erfahrenen Praktiker anhören, mir alles genau von allen Involvierten schildern lassen, systematisch analysieren, was vorgefallen oder zu tun ist ...)

Gerhard Winkler: Wir sind heute 18 Chatter und Mitleser gewesen! Ich danke für Ihre Fragen, Hinweise und Einwürfe! Für Sie bin ich immer per Mail erreichbar!

Gerhard Winkler: Ihnen allen einen schönen Abend! Viel Glück und Erfolg für Ihre Bewerbungsaktionen!