Mit Gerhard Winkler - Chatprotokoll vom 15.02.2007
Moderator: Willkommen beim formyourself.de Experten-Chat mit Gerhard Winkler. Wichtiger Hinweis: Ihre Frage erscheint erst im Chat, wenn der Experte sie beantwortet hat! Wir bitten deshalb um etwas Geduld.
Gerhard Winkler: Guten Abend, ich freue mich, dass Sie heute Abend Zeit gefunden haben.
Peter_Würzburg:Hallo Herr Winkler. Thema Anschreiben: Ich weiß, Sie sagen „in der Kürze liegt die Würze“, aber ist es nicht doch sinnvoll, den ersten Satz so anzufangen: „Sehr geehrte Damen und Herren, mit großem Interesse habe ich Ihre Anzeige gelesen …“
Gerhard Winkler: Sie möchten mich sicher provozieren … :-) - Interesse ist das denkbar schwächste Argument, das jemand vorbringen kann. Es geht nicht darum, dass das Anschreiben kurz ist, sondern dass Sie Ihre Argumentation vorlegen. Stärkstes Faktum ganz an den Anfang.
Peter_Würzburg: Ja, das habe ich verstanden - trotzdem - irgendwie klingt es schon komisch - direkt mit der Tür ins Haus …
Gerhard Winkler: Ein Anschreiben ist nur der Form nach ein Brief. Inhaltlich ist es ein Briefing. Die Zeiten sind nicht mehr so, dass man einem Jobanbieter beweisen muss, wie gut man die Einleitungsformeln beherrscht. Beweisen Sie, dass Sie ihm das Rekrutieren so leicht wie möglich machen können. Zeit ist Geld. Die üblichen Bewerbungen kosten Zeit, Geld, Nerven.
Anders: Ich tue mich nach wie vor schwer mit dem stärksten Pro-Argument. Ich kann meine Berufsbezeichnung auf den Punkt bringen, meine konkreten Tätigkeiten nennen und meinen größten Erfolg - und tue das in genau dieser Reihenfolge. Im nächsten Absatz dann konkrete Angaben zur Ausbildung und den weiteren Fähigkeiten. Dann meine Motivation und noch mal zusammenfassend meine stärksten Kompetenzen und ein Vorschlag, in welchem Bereich ich sie zum Einsatz bringen kann. Das will aber die Jobanbieter so recht nicht überzeugen.
Gerhard Winkler: Was vermuten Sie denn, überzeugt einen Jobanbieter ?
Anders: Ich denke, eine möglichst konkrete Darlegung dessen, was ich anzubieten habe - und ggf. noch meine Vorstellung, wie diese Fähigkeiten einzusetzen sind.
Gerhard Winkler: Da gibt es doch keinen Dissens zwischen uns. Was Sie anbieten ist das, was Sie gemacht und geleistet haben. Von Ihren Handlungen schließt man auf Ihre Eignung. Sie geben weniger an, wie man Ihre Arbeitskraft einsetzen soll, sondern wo.
Anders: Wenn ich das im Anschreiben so vor mir sehe, sieht es allerdings etwas trocken aus, will sagen: sticht vermutlich aus der Vielzahl von Bewerbungen wenig heraus. Ich selbst würde wahrscheinlich das ultimative, von allen anderen sich abhebende Pro-Argument vermissen …
Gerhard Winkler: Wissen Sie, ich habe heute Morgen mit einer Bewerberin telefoniert, die in einem umkämpften Umfeld (Marketing) die erste Runde überstanden hat. Sie hatte keinen leichten Stand - betriebsbedingte Kündigung vor einigen Monaten, seitdem arbeitsuchend. Der Personaler war genau von ihrer trockenen, faktischen Argumentation begeistert. Man unterschätzt die Macht des Faktischen. Alle Bewerber blasen mit dicken Bäckchen Heißluftballons auf. Wie erfrischend ist da eine coole, sachliche und auf das signifikante Detail abhebende Schreibe. Nicht das eine Super-Argument heben einen hervor, sondern der einzigartige Argumente-Mix.
Jochen_Pfälzer_Neustadt: Beim 10/10 Check muss ich das Anschreiben überarbeiten, es klingt zu hohl, Pfälzisch verstehen die Firmen nicht, nur Hochdeutsch. Es muss sein wie bei einem Hund, der nach Leckerli schreit, aber ich weiß nicht, wie und was ich schreiben soll, was mich interessant macht, was ich anbieten kann, haben Sie Tipps?
Gerhard Winkler: Jochen, bei Ihnen hilft kein Anschreiben, es hilft nur Direktvermarktung und vielleicht eine Neuausrichtung auf dem Jobmarkt. Wenn das, was man anbietet, nicht so interessant ist, hilft auch die interessante Schreibe nicht. Bauen Sie sich neu auf und peilen Sie neue Arbeitsfelder an.
Peter_Würzburg: Wenn in Stellenanzeigen ein Studium erwünscht ist, ich aber nur einen Fachhochschulabschluss habe, ist es trotzdem möglich, mich zu bewerben (der Rest passt)?
Gerhard Winkler: Na, ist ein Fachhochschulabschluss kein Studium? Sie legen vor, was Sie geleistet haben - falls Sie auch noch konkrete Joberfahrung haben, schieben Sie die möglichst weit nach oben. Jobanbieter wollen Praktiker mit Diplom - ob FH oder Uni ist doch nicht DAS Hauptargument.
Jochen_Pfälzer_Neustadt: Thema Abitur, was ist das besondere am Abitur, was bietet es mehr im Gegensatz zur Mittleren Reife? Ich will evtl. Fernstudium ils oder Studiengemeinschaft Darmstadt mein Abitur machen, ist dies sinnvoll?
Gerhard Winkler: Hören Sie nicht auf zu lernen. Abitur ist in Ihrem Alter aber nur eine Aktion, um den persönlichen Ehrgeiz zu befriedigen. Das erhöht kaum Ihre Jobchancen. Sie dürfen nicht vom Arbeitsmarkt zur Bildungswiese wechseln, nur weil dort das Gras für Sie grüner ist.
Peter_Würzburg: Thema Stellenanzeige: Wenn in der Anzeige ausdrücklich eine Gehaltsangabe erwünscht ist, sollte ich diese immer angeben, oder ist es nicht besser, erst einmal nicht darauf einzugehen?
Gerhard Winkler: Falls Sie aufgefordert werden, einen Gehaltsvorschlag zu äußern, brauchen Sie einen richtig guten Grund, um dies nicht zu tun. Es gibt einen: Sie sind eine begehrte Fachkraft und können es sich leisten zu pokern.
Peter_Würzburg: Ist es dann ratsam, das derzeitige Gehalt anzugeben oder schon das gewünschte Zielgehalt?
Gerhard Winkler: Geben Sie Ihr derzeitiges Gehalt an - da setzen Sie schon eine deutliche Marke.
Jochen_Pfälzer_Neustadt: Wie findet man eigentlich einen guten Fotografen für Bewerbungsfotos. Die Bilder und Studios sehen alle gleich aus, die Leute labern alle das gleiche, aber wie finde ich raus, ob es nur 08/15 Fotografen sind, oder professionelle? Ich bevorzuge nämlich die tauglichen!
Gerhard Winkler: Ich werde einen Rundbrief aussenden und um deutschlandweite Adressen bitten. Es gibt sicher auch in Ihrer Region gute Fotografen. Ich würde hingehen, Referenzfotos zeigen und sagen: Ich will auch so aussehen.
Jochen_Pfälzer_Neustadt: Aha, sehr gute Idee. Ich sehe zu blass aus und das Foto ist zu alt. Ich werde neue machen lassen mit beigem Jackett und Krawatte. Steht mir besser wie langweiliges schwarz!
Gerhard Winkler: Ich versuche, für Sie Fotografen in Frankfurt, Mannheim, Ludwigshafen zu recherchieren.
Anders: Apropos Jobchancen erhöhen: Mein Dilemma ist eine geringe theoretische Qualifikation. Da aber Berufserfahrung sicher die wichtigste Qualifikation ist, drängt es mich extrem, eine feste Stelle zu finden. Es muss also doch irgendwie das Vorhandene überzeugend aufzubereiten sein.
Gerhard Winkler: Sie sind vermutlich innerhalb einer Firma aufgestiegen und jetzt, da Sie wechseln wollen, merken Sie, dass die jungen Bewerber alle ein Diplom haben. Gibt es eine Möglichkeit, berufsbegleitend noch einen Sahnehäubchen-Abschluss nachzuholen?
Anders: Den berufsbegleitenden Abschluss gibt es bereits. Natürlich könnte ich mich in dem Wunschbereich (PR/Event) weiterqualifizieren, aber ich habe das Gefühl, mir läuft die Zeit davon. Und auch das Geld, denn mein Background ist derzeit eine Teilzeitstelle.
Gerhard Winkler: OK, PR ist etwas, das Sie auch freiberuflich machen können. Sie sind doch ein Kommunikationsgenie. Suchen Sie Kunden und nutzen Sie die Chance. Sie haben das wichtigste Kapital, das man neben Kompetenz braucht: Ein bisschen Zeit.
Jochen_Pfälzer_Neustadt: Was ist PR?
Gerhard Winkler: Pöbelhaftes Radebrechen. Peinliche Rabulistik. Public Relations.
Anders: Der Punkt ist, dass ich nicht (mehr) freiberuflich arbeiten will. Auf der einen Seite ist Akquisition nicht meine Stärke. Was aber für mich das wichtigere Argument ist: ich WILL im Team arbeiten, in einem größeren Zusammenhang. Sicher auch noch dazulernen (was im Elfenbeinturm der Selbständigkeit nur bedingt geschieht), und sicher ist Sicherheit auch eine Motivation. Aber der Sprung ins Team einer Agentur, in der ich mich auf eine Aufgabe konzentrieren kann und nicht multitaskend alles auf einmal erledigen muss.
Gerhard Winkler: Arbeitsproben bündeln und sich auf die Tour durch die Agenturen machen. Schauen, dass man sich über Projekte an eine oder mehrere dranhängt und sich peu à peu unentbehrlich machen. Agenturen sind lauter Insiderclubs. Die warten nicht auf Bewerber. Die warten auf Glücksbringer. Wissen Sie was: Sie haben doch (und ich wette einen Chai Latte) ein ganz spezifisches Profil. Sie sind doch sicher in Ihrem Bereich nachweisbar gut. Jetzt beschränken Sie sich mal auf das, was Sie am besten machen können und am liebsten machen wollen. Tun Sie so, als ob alle Agenturen nur auf Sie warten und testen Sie den Markt. Ich würde mir dafür 3 - 6 Monate Zeit nehmen und mal schauen, wie ich auf dem Markt ankomme. So, wie ich bin und mit dem, was ich kann. Verstehen Sie: Sie haben ein Profil. Sie brauchen sich nicht verbiegen. Wer Ihre Stärke erkennt, wer erkennt, dass er mit Ihnen Projekte realisieren kann, für die ihm zuvor der Spezialist fehlt, der wird Ihnen sehr bereitwillig eine Stelle schaffen. Kommunizieren Sie sich selbst, so wie Sie sind. Und dann sehen sie weiter.
Anders: In Ihrem Check war vermerkt "Zu langweilig" - wohl die falsche Art von Coolness...
Gerhard Winkler: Langweilig heißt: Gespickt mit Textbausteinen, Floskeln, Leerformeln. Zwischen Anrede und Schlussformel braucht man wirklich keine Höflichkeits-, Ehrfurcht-, Respekt-, Beschwichtigungssignale. Halten Sie sich einfach daran, dass Sie einer Person ein Briefing geben, die zwischen Tür und Angel steht und nur zuhört, wenn Sie etwas wirklich Relevantes äußern.
Jochen_Pfälzer_Neustadt: Herr Winkler, ich finde Ihre Formulierungen etc super. Kann man so etwas evtl. auch in Kursen, Rhetorik oder so ähnlich heißen diese, lernen?
Gerhard Winkler: Die im Fernsehen reden alle viel cooler.
Peter_Würzburg: Thema Stellenanzeige: Ich bin zurzeit stellvertretender Abteilungsleiter und möchte mich aber auch auf andere Stellen bewerben. Ist es nun sinnvoll, meine Position im Lebenslauf zu erwähnen oder soll ich es lieber unter den Tisch fallen lassen. Hintergrund: so aus Sicht eines Personalers - der ist bestimmt zu teuer.
Gerhard Winkler: Ich bin davon überzeugt, dass eine aktuelle Position immer das stärkste Proargument ist - und falls nicht, dann hapert es meist an der Zielposition. Der Jobanbieter wird in jedem Fall den Schritt von Ihrer zur nächsten Position zu verarbeiten haben. Nur in einem Telefongespräch (oder natürlich im direkten Gesprächskontakt) können Sie Ihre aktuelle Position erst einmal verschweigen. Die aktuelle Position ist das Sprungbrett für die nächste. Falls Sie das Gefühl haben, sie ist ein Mühlstein, dann läuft bei Ihnen etwas grundlegend falsch.
Peter_Würzburg: Gibt es einen Anhaltspunkt zum Verhältnis Anzahl Bewerbungen gleich Anzahl Vorstellungsgespräche?
Gerhard Winkler: Wenn ich mehr Kaufmann wäre, würde ich das bei meinen Auftraggebern abfragen und schöne Schaubilder auf jova-nova.com platzieren. Es gibt einfach Jobs, wo die Ratio zur Zeit schlecht ist: Marketing, PR, Naturwissenschaften. Das ist ganz unabhängig von der Qualifikation. Auch die Superklasse kommt noch nicht so leicht unter. Ich persönlich halte 2:10 prima, aber es gibt auch Bewerber, die einen Par schaffen und sich mit drei Bewerbungen drei Einladungen holen.
Peter_Würzburg: Gibt eine Statistik o. ä. die aufzeigt , dass Ihre Methode erfolgreich ist?
Gerhard Winkler: Meine Statistik wäre so gut, dass sie mir keiner glaubt. Ich bring ja nicht nur bei, wie man starke Unterlagen erstellt, ich mach den Leuten Mut, dass sie sich innerlich in Glanz und Gloria aufbauen. Und ich nehme mir das Recht heraus, es anzumerken, falls sich jemand selbst betrügt. Nicht vergessen: Ich bin im ständigen Kontakt mit meinen Site-Nutzern und erhalte mehr Rückmeldungen von der Front als unser Arbeitsminister. Ich propagiere nichts, weil MAN ES HALT SO MACHT, sondern, weil ES FUNKTIONIERT.
Peter_Würzburg: Eine Frage hätte ich noch - Sie beschreiben auf Ihrer Website, dass Sie die Aufträge selbst bearbeiten. Ist dies wirklich der Fall (es sind ja wohl etliche Aufträge und kaum alleine zu bewältigen)? Wenn ja, werde ich Ihr Angebot wohl wahrnehmen.
Gerhard Winkler: 10/10-Check und kostenlose Prüfungen macht meine Assistentin. Anschreiben, Lebensläufe, Zeugnisse sind nur wie von Winkler, wenn sie von Winkler sind. Anscheinend ist es meine Spezialbegabung, virtuos zu schreiben. Ich mach das auch schon sehr, sehr lange. Allerdings: JEDER kann eine einfache, maximal mit Bedeutung aufgeladene Präsentation erstellen. Es ist ja nicht schwer, konkret zu werden und Fakten aufzufächern.
Jochen_Pfälzer_Neustadt: 3 Fragen noch, was soll ich schreiben? Ich bin ... ich kann ... ich biete ...
Gerhard Winkler: Ich bin, ich kann, ich biete - Leitfragen für die Verwirrten im Lande. Sie schreiben, was Sie leisten, wo Sie stark sind, was Sie draufhaben. Und dann kommen Sie zu Fürsprechern und Konditionen. Den Punkt "ich bin" erledigen Sie nicht philosophisch oder existentiell, sondern mit einem simplen Verweis auf Ihre Jobposition bzw. Ihren Beruf.
Gerhard Winkler: OK. Falls Sie mehr Fragen haben: gwinkler@jova-nova.com. Kommen Sie gut durch den Bewerberfasching, bitten Sie die Personaler zum Tanz, legen Sie einen flotten Schritt hin, aber blasen Sie ihnen keine Luftschlangen ins Ohr! Schönen Abend!
Moderator: Der Chat wird nun geschlossen, Herrn Winkler und allen Teilnehmern ein herzliches Dankeschön fürs Mitmachen und noch einen schönen Abend! Auf Wiedersehen!