Von Gerhard Winkler
Personaler und andere Respektspersonen sind die teils puterroten, teils blutleeren Gesichter ihrer jüngeren Gesprächspartner gewohnt. Manch älterer Rekrutierer findet es schmeichelhaft, dass er noch körperliche Reaktionen auslöst. Doch auch er entkommt im Alltag nicht dem Thema Körperlichkeit. Selbst dem mit allen transkontinentalen Wassern gewaschenen CEO macht das eigene körperliche Befinden in formalen Situationen oder beim öffentlichen Auftritt zu schaffen.
Die Symptome des Lampenfiebers kennt jeder: Es ist einem nicht wohl in seiner Haut. Die Hände werden zur Feuchtzone oder sie vereisen. Die Stirn benetzt sich. Man glaubt zu fallen – zumindest knicken einem die Knie weg.
Du ringst also mit der Selbstwahrnehmung, Du zweifelst an der Selbstempfindung und zugleich nehmen Deine Gesprächspartner vielleicht alles wahr. Schrecklich, wenn dem Gegenüber auffällt, was man selbst verspürt. Noch peinlicher, er bemerkt etwas, das einem selbst nicht aufgefallen ist. Alle Erfahrung sagt: Körperlichkeit kann von Kommunikation ablenken. Der Körper kann einen im Stich lassen oder – noch schlimmer – er kann einen verraten.
Personaler achten allerdings kaum auf Zeichen der Anfangsnervosität. Sie konzentrieren sich auf weitaus spannendere, weil entlarvende Körpersignale.
Wie andere Begegnungen hat auch ein Jobinterview etwas von einem subtilen Machtspiel. In der Regel ist Dein Gesprächspartner der Choreograph Deiner Bewegung. Deine Gestik, Mimik, Dein ganzes Redeverhalten folgt unaufdringlich dem seinen.
Deshalb wertet ein Jobanbieter manche Signale als sicheres Zeichen, dass Du nicht mit seinen Ansichten oder Erwartungen konform gehst: Kein Nicken und auch sonst keine körperliche oder verbale Reaktion in Satzpausen oder nach Vorschlägen des Gegenübers. Kein Erwidern des Lächelns. Kein Mitlachen. Kein Mit-nach-vorn-Lehnen, wenn der Verhandlungspartner augenscheinlich zur Sache kommt.
Bewerber bestätigen und bestärken nicht nur. Du hast vor allem zu überzeugen. Nicht allein Deine Worte, auch Deine Körpersprache und Dein Verhalten machen den überzeugenden Auftritt aus. Verankere darum Deinen Anspruch. Visualisiere, dass Du einen festen Stand hast: Ich weiß, wer ich bin. Ich bringe zum Ausdruck, was ich will. Ich gehe in meinen Beruf auf. Ich traue mir zu, auch für mich neue Herausforderungen zu bewältigen. Ich kenne das Unternehmen. Ich weiß (oder nehme aufmerksam auf), was der Jobanbieter will. Ich bin bereit, alle Job-Vorschläge unvoreingenommen zu prüfen. Ich habe keine versteckten Vorbehalte gegen den Job oder gegen die Organisation.
In der Personalauswahl und auch sonst im Leben schließt man vom Benehmen des Kandidaten auf seine innere Einstellung. Wie will ein Bewerber den Ausbildungs- oder Joballtag in den Griff bekommen, wenn es ihm augenscheinlich an der Fähigkeit zur Selbstkontrolle mangelt? Dass Du aber in den ersten Minuten eines Gesprächs mit Dir zu kämpfen hast, dass Du errötest, ins Stottern kommst, Dich verhaspelst: das wertet man immer als Ausdruck Deines noch etwas ungeschliffenen und ob Deiner Jugend um so liebenswürdigeren Eifers. Je souveräner Dein Gesprächspartner, desto behutsamer nimmt er Dir das Anfangsflattern und desto sicherer bringt er Dich in eine stabile Gesprächslage.