Mit gutem Gewissen

Von Gerhard Winkler

Zivi

Wie kriegt man Völker dazu, ihre Konflikte friedlich zu lösen? Mal schauen, ob die Antwort noch zu Deinen Lebzeiten gefunden wird. Jetzt oder ziemlich bald brauchst Du eine Antwort auf die konfliktträchtige Frage, womit Du besser lebst: Wehrdienst oder Zivildienst?

Der Wehrdienst gilt zwar als Dienst an der Waffe, aber zumindest von den Zielen her gesehen, ist er ebenso ein Einsatz für die Menschen wie der Zivildienst. Zivildienstleistende sind auf den ersten Blick weit näher dran an den praktischen Sorgen und Nöten der Bürger. Man stelle sich vor, dass sämtliche Dienstpflichtige von heute auf morgen die Fahnen wechseln und zur Flinte greifen! Dann würde den Non-Profit-Organisationen im Land die Luft ausgehen und die Betreuung und Versorgung von hilfsbedürftigen Personen wäre erst einmal lahmgelegt.

Den neunmonatigen Wehrdienst kann man nicht einfach so um des lieben Friedens willen ablehnen. Wer ihn verweigert, hat mehr zu liefern als den Slogan Ich stell mir weder vor, dass Krieg ist noch geh ich da hin. Als Argumente werden nur die ausformulierten Ergebnisse einer ernsthaften Befragung des eigenen Gewissens akzeptiert.

Jeder Zivildienstleistende in Deutschland hat demnach sein Gewissen geoutet und seine eigene Antwort dafür formuliert, was Herz und Verstand zum Töten sagen. Nützlicher Nebeneffekt: Es wird einem amtlich bestätigt, dass man ein Gewissen hat.

Du bist kein Feigling, wenn Du dich auf Ehre und Gewissen gegen den Krieg engagierst. Schick Deinen schriftlichen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung am besten vor der Musterung oder auch kurz danach an Dein lokales Kreiswehrersatzamt. Die Adresse steht in den Gelben Seiten - dort ist die Bundeswehr eine Branche wie jede andere. Für das Musterungsverfahren selbst gilt: Augen auf und durch! Es gibt keinen Weg, der drum herum führt. Sobald die Musterung rechtskräftig abgeschlossen ist, wird Dein Antrag auf Verweigerung vom Bundesamt für den Zivildienst bearbeitet.

Für den Antrag auf Kriegsdienstverweigerung braucht man nicht die eigene Feder zu spitzen: Es gibt dafür Muster im Web. Antrag klingt nach Formularkrieg, doch Du schreibst nur einen einfachen Brief, in dem Du Dich auf Dein Grundrecht der Kriegsdienstverweigerung im Sinne des Artikels 4 Abs. 3 Satz 1 des Grundgesetzes berufst. Notiere im Betreff auch die Personenkennziffer oder Dein Geburtsdatum:

Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer ; PK-Nr.: 020862-IMJ-280955

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich berufe mich auf mein Grundrecht der Kriegsdienstverweigerung nach Artikel 4, Absatz 3 Satz 1 unseres Grundgesetzes.

Mit freundlichen Grüßen

Albert Reinstein

Anlagen
ausführliche Begründung
tabellarischer Lebenslauf

Gut, dass Du schon mit Hilfe von formyourself.de schon zu Bewerbungszwecken einen Lebenslauf zusammengestellt hast. Das Foto lässt Du weg - Kriegsdienstverweigerung ist keine PR-Aktion in eigener Sache. Notiere aber alle Aktivitäten, die Aufschluss über Deinen Erkenntnisfortschritt geben: Klassenfahrten zu Gedenkstätten, Projektwochen, soziales oder religiöse geprägtes Engagement ...

Deine zusätzliche, absolut notwendige Darlegung der Verweigerungsgründe umfasst zwei Din-A-4-Seiten und ist argumentativ angeordnet: Zuerst das Schlüsselerlebnis, die prägende Erfahrung, die lehrreiche Situation. Auch die Weigerung zu töten hat einen starken Aufhänger verdient. Die daraus gewonnene, Deine Haltung bestimmende, sichere Erkenntnis sicherst Du mit den Grundsätzen ab, nach denen Du erzogen worden bist sowie mit deinen religiösen, ethischen, humanistischen Werten. Surf nicht mit dünnen Brettern auf dem Flachwasser der billigen Allgemeinplätze. Sag es konkret! Schreibe anschaulich und belege Deine Gewissensgründen an Beispielen aus Deiner eigenen Lebenswirklichkeit. Bring Dich selbst in deinen Text, stell Dein praktisches Engagement, Deine ehrenamtliche Arbeit vor. Zitiere aus Gesprächen mit denkenden Erwachsenen.

Das Bundesamt wird Dir nach der Anerkennung eine Ankündigung der Heranziehung schicken: Glückwunsch, Du wurdest gezogen! Innerhalb von zwei Monaten suchst Du Dir eine Dienststelle und klärst Du mit Deinem aktuellen oder künftigen Ausbilder, ob Du die neunmonatige Dienstzeit in Folge oder auf bis zu drei Abschnitte verteilt ableistest.

Auf www.zivildienst.de findest Du eine Zivildienstbörse mit freien Plätzen. Als anerkannter Verweigerer kannst Du auch ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr wählen.

Nützlich für Zivis sind die Einweisungen zu Beginn der Dienstzeit. Deiner weiteren Karriere tut es nur gut, wenn Du alle angebotenen Möglichkeiten zur dienstbegleitenden Weiterbildung ausschöpfst!

Die Anerkennung durch unsere Zivilgesellschaft ist ein positiver Aspekt Deines Einsatzes. Ganz handfest ist Dein Anspruch auf Sold, besondere Zuwendungen, Entlassungsgeld sowie auf Sachbezüge wie Kleider- und Verpflegungsgeld und auf einen Mobilitätszuschlag. Von Staats wegen bist Du krankenversichert. Du hast sogar Anspruch auf Urlaub und kommst günstiger in öffentliche Einrichtungen, Theater und Museen wie das 1925 gegründete Anti-Kriegs-Museum in Berlin.

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